3 Tage Lovebombing, dann Suizid – Die Wahrheit über Romeo und Julia

Es war 1996, da tauchte ein Filmplakat in meiner Stadt auf, welches mich vom ersten Moment an magisch fesselte. Kurz darauf folgte eine Filmsequenz im TV: ein Südseeaquarium in blau getüncht, bunt schillernde Fische und zwei Augenpaare, die sich hinter Glasscheiben begegnen. Engel trifft auf Typ im Kettenhemd.
Bäm !!!
Es war damals nicht nur Leonardo DiCaprio, es war viel mehr. Es war das, was ich mir an Vorstellung über „so muss Liebe sein“ zurechtgezimmert hatte, in einem Filmausschnitt, aus dem 130 Minuten wurden und dann 20 Jahre …

Auch wenn jetzt wahrscheinlich, der eine oder andere Diagnosestift gezogen wird, gleich noch ein weiterer erschütternder Fakt: Diese Vorstellung fand ich so gut, ich bin nie ein Kinogänger gewesen, doch in „Baz Luhrmanns – Romeo und Julia“ war ich exakt 29 Mal.
Jedes Szenenbild, jedes Detail … ab da mein Begleiter und Fürsprecher. Willst du mich verstehen, schau den Film. Mein kindliches Ich und mein Pupertäts-Ich fanden die Liebe, in jeder erdenklichen Szene. Jeder Ton nahm mich mit auf eine rasante Reise durch die Welt der Emotionen, ich lebte diesen Film, die Putzkolonne reichte mir Taschentücher. Ich habe meinen Freundeskreis ins Kino gequatscht und noch heute bringe ich Menschen dazu, sich dieses Meisterwerk anzuschauen, denn nach all den Jahren bin ich immer noch kein Kinogänger, aber bei Romeo und Julia wäre ich sofort dabei.

So geschwollen labert mich keiner zu!

Anfangs als Shakespeare auf dem Unterrichtsplan stand (ein Jahr vor dem Filmstart) und ich in der Nacht vor der Abgabe der Interpretation, gequält die letzten Seiten las (damals gab es noch kein Internet) da hätte ich gern den Verfasser gefragt „Was soll das? Was hat denn das Gelaber mit Liebe zu tun?“ Wie wir in der Klasse mit verteilten Rollen vorlesen mussten, haben wir uns fast vor Lachen in die Hosen gemacht. Dementsprechend fiel auch meine Interpretation eher rational aus. Hätte ich geahnt das ich es Monate später, auswendig mitspreche und mir dabei, die Augen ausheule … Hätte ich vielleicht auch ahnen können, wie sehr es mir meine Zukunft weist.
Es folgte die erste richtige Beziehung, Trennung, die erste große erfüllte Liebe und sie hielt länger als 3 Tage, weil ich ja wusste, Gift schlucken ergibt keinen Sinn. Nach drei Monaten zerbrach äußerlich die Vorstellung und statt es anzunehmen, hielt ich an meiner Vorstellung fest, schlauer als Romeo und Julia zu sein, dass diese Liebe eben für immer hält, wenn man nur ‚Erwachsen genug‘ damit umgehen würde.

Mit 18 erlitt ich einen Nervenzusammenbruch und statt zu erkennen folgten 9 Jahre der Versuch diese Liebe über alle erdenklichen Schwierigkeiten zu tragen.
Es waren schöne Erinnerung begleitet von unerträglichem Schweigen, Betrug und falschen Hoffnungen. Trennung, Schmerzen. Ein erneuter Versuch, der die ganze Bandbreite an dysfunktionalen Beziehungsebenen mit sich brachte und am Ende Neuanfang.
Verarbeiten ging erst, als ich in der nächsten Beziehung ankam und auch da ,war dieses so „erwachsen“ wie es der Vorstellung meines inneren Kindes entsprach, doch es fühlte sich nicht so an, wie Ankommen. Ich wollte auch nicht aufhalten und so versuchte wir es freundschaftlich, bis zu dem Punkt wo wir die Grenze überschritten ich für 3 Tage dachte, jetzt endlich erwachsen genug zu sein und es eklig wurde.

Interessante Männer gab es, ich wollte immer einen Romeo hinterm Aquariumglas …

Und dann? Während ich noch von Romeo träumte und überzeugt davon war, dass er hier und da gerade vor mir stand und ich mich mehr und mehr zu Ted Mosby (Charakter in der Serie: How I met your mother) verwandelte, brach mein Herz immer und immer wieder. Und auch ich brach vermutlich Herzen.
Es folgten die weiteren Beziehungen, die mir Tarnmantel und Hoffnung sowie Irrglaube entzogen. Die mich die Julia spielen ließen, sich selbst erschießend.
Und dann diese, die mich nach dem Grand Finale, in den Kaninchenbau schmiss, auf die andere Seite. Die, die den Hasen mit der Uhr auf den Plan rief und mich ins gruslige Wunderland hineinsaugte. Da lag ich nun im Aquariumglas unter tosendem Wellengang und Romeo ertrank hinter der Scheibe in den Augen einer neuen Julia auf der anderen Seite, mitten in meinem buntem Meer …

„Oh einzig Lieb aus einzig Hass entbrannt ich sah zu früh, den ich zu spät erkannt.
Das es die Lieb so übel mit mir meint, das ich muss lieben, den verhassten Feind.“

Zitat Julia Ende 1. Akt / Romeo und Julia

Romeo und Julia heute …

Neulich nach den Nachrichten zappte ich noch mal durch das TV-Programm, da lief auf dem Disneychannel (welch Ironie) Romeo und Julia. Sofort sprach ich mit, summte die Melodie und beglückwünschte die Filmmacher zu ihren Einstellungen, doch es war nicht mehr ganz derselbe Film. Leo war nun auch für mich zum Milchbubi geworden und Julia naiv.
Die narzisstischen Väter und Mütter der beiden Protagonisten, der Narzissmus der Antagonisten, der Komparsen selbst des Bühnenbildes und der Requisite. Blendend, bunt und mystisch, strahlte der Überall-Narzissmus mich auf dem Bildschirm an. Gleichzeitig spürte ich mein inneres Kind mit Romeo und Julia im Pool versinkend in die Werbung gespült. So zündete ich ein paar Kerzen an, holte eine Decke heraus und machte Tee.

Mein Erwachsenen-Ich schaltete nach der Hochzeitsszene aus, genug geheult, lass mal Klartext reden.

Realitätscheck:

Da war Romeo eben noch in Rosalie verliebt schon sucht er sich ein neues Opfer, lovebombt es, heiratet es, muss es verlassen, weil er seine Wut nicht unter Kontrolle hatte und im Familienkreis des Opfers gemordet hat (aber ja kein schlechter Mensch ist?!), isoliert es und ist am Ende nichts weiter als tot. Erinnert ein bisschen an narzisstische Beziehung, oder? Sie hätten es nicht anders gelernt, auf der anderen Seite gab es nur die Pläne, die ihre Eltern für sie vorgesehen hatten und die waren auch nicht „Ankommen“ in ihrem Sinne, also Flucht nach vorn. Für die Liebe! Für das Opfer folgt der Schluss mit Schuss in den Kopf. Alles in drei Tagen und fünf Akten! Ich habe für die Nummer Jahre gebraucht, aber ja ich kenne es in und auswendig. Die Gratwanderung zwischen Gut und Böse, Schicksal und freiem Willen. Eigenliebe und echter Liebe. Ich habe die Rolle gelebt und überlebt. Ich bin ihr entwachsen.

Is‘ nur Kino …

aber man war ja mittendrin.
Julia hat Romeo überlebt und ich wünsche es jedem diese andere Wahrheit hinter
Shakespeares weisen Worten sowie Baz Luhrmanns Bildern zu entdecken.
Es ist mein Lieblingsfilm und aus heutiger Sicht noch weit mehr.
Es ist meine Vergangenheit, meine Geschichte mit all ihren Farben Formen und Sequenzen. Ich wünsche mir irgendwann noch mal vor einer Kinoleinwand mit Taschentüchern bewaffnet den Film komplett anzuschauen, doch nicht mehr mittendrin, nur als Beobachterin.

Wer von Euch würde denn mitkommen?
Habt Ihr auch so einen Lebensabschnitt-begleitenden Film?
Welchen realistischen „echte Liebe“ Film würdet Ihr mir empfehlen?
Schreibt es mir in das Kommentarfeld!

Es ist nur Kino … doch, wenn man die eigenen Betrachtungsweisen mit einschließt,

Ich hatte meine RomeoundJulia-Jahre, meine Interpretation mit 14 war wahrscheinlich die, der heutigen ähnlich, wenn mich jemand so geschwollen im Kettenhemd auf einem Maskenball zuquatscht, würde ich sagen: „Nettes Spiel, falsche Adresse.“, oder nach Rosalie fragen.

Die Schutzgärtnerin
Stand, Februar 2017
Alle Rechte vorbehalten
Teilen des Links erlaubt und erwünscht sowie unterstützt bei der Aufklärung über Narzissmus! Danke!

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10 Gedanken zu “3 Tage Lovebombing, dann Suizid – Die Wahrheit über Romeo und Julia

  1. Bei mir war es das Märchen „Die Schöne und das Biest“. Zu Hause mindestens 30 mal auf Video (das waren die 90’er) angesehen. Neben allen anderen Märchen war es DAS Märchen. Mein Märchen. In der Grundschule im Unterricht gesehen, von allen Mitschülern als Belle „erkannt“ worden („Du siehst genau aus wie Belle, du bist genau wie Belle“). Und was lebte ich nach solchen „Feststellungen“? Dieses Märchen. Es war auch meine Feststellung. Ja, ich bin wie Belle. Und ja, ich hatte (später als Kind im Erwachsenenkostüm) ein „Biest“ (charakterlich wirklich genau wie im Märchen) als Partner, wir haben auch einen gemeinsamen Sohn. Doch es gab nie ein Happy End, keine Hochzeit, kein „Sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende“. Das Biest verwandelte sich nie. Und ich kam nicht nur einmal zurück und ging nicht nur einmal weg. Nein, mehrere Male. Doch nie kam es zur Verwandlung. Und ich glaubte sehr lange daran.
    Und heute? Die Rose ist schön längst verblüht. Es gibt kein Zurück. Ich bin ICH, und keine Märchenfigur. Und ich lasse mich nie wieder so behandeln.
    Märchen können Fallstricke sein. Die Wirkung auf Kinder ist nicht zu unterschätzen. Wir sollten achtsamer damit umgehen (genauso wie mit den Weihnachtsmann- und Osterhasenlügen…die mir nie ins Haus kamen). Das ist eines von Vielem, was ich mühsam und mit viel Lehrgeld bezahlen lernte…heute, als wahrhaft Erwachsene.

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