Der Narzissmus des Schreibens

Mit dem Thema gehe ich schon lange schwanger, doch es brauchte auch einen genauen Blick hinter meine Spiegel. Schreiben ist narzisstisch. Es existiert ein narzisstisches Verhältnis zwischen dem Autor, Text und Leser. Als Autor darf ich alles sein. Worte können mich einkleiden in wallende Gewänder, können sacht über Deine Augen an Deinen Wangen entlang huschen und Dich im sibirischen Tiefschnee eine Karawane begrüßend lassen, mit diesem leckeren Saft in der Hand, der Dich freimacht für Sekunden, weil es Dein Lieblingssaft ist. Ha, sie können Dich auch verwirren in dem sie rupfleszumpf … keinen Sinn ergeben oder anzapfen. Oh aber fürchte Dich „mein Liebes …“ sie können Dich groß und klein sowie zu Dingen machen. Dich Opfer sein lassen oder zum Täter machen. Sie sind selektierte Information und sie sind Ausdruck und Tool.

Mensch, Poeten, Coaches, Gurus und Gott.

Wer da also öffentlich schreibt, sollte insofern eine narzisstische Ader haben, zu glauben irgendjemand würde seine Sachen lesen wollen. Dafür gibt es viele Gründe.

Die starken, reflektierten Narzissten schreiben die großartigsten Romane, ihre Menschenkenntnis und ihre Grandiosität bringt es verständlich und vereinfacht auf den Punkt. Ohne Autoren wie Sam Vaknin und H.G. Tudor (Vorsicht Trigger), hätte ich wohl noch ein paar Jahre nach Antworten gesucht. Immer dabei ihr „Ich bin besser als Du“, Unterton, „Du musst“ Ansätze und es geht häufiger um Sex, Geld und materielle Dinge, als um Familie, die eigene Religion und Spiritualität.

Sie erfinden sich selbst anhand von weniger Marketingerprobten Aufmerksamkeitssuchenden, talentierten Schreibern, zu einer verkaufstauglichen Variante und begeben sich und ihre Leser auf so manch selbst ernannte Heldenreise. Karl May war ein begnadeter Erfinder und Lügner. Sein erdachtes Indianerwissen beflügelt heute noch die Leser mit Erkenntnissen fern jeder Logik und Geschichte. So auch in der spirituellen Szene, wo Selbsthilfebuch nach dem Anderen ins Licht tritt.
Ja, die meisten erzählen dasselbe. Das Prinzip der Lebenslinien und der Lebensgesetzte, es heißt dann nur: Landkarte …, das Geheimnis …, der Code, der Weg. Ja es ist am Ende egal, wie viel man davon liest, solange die Information nicht bis ins Herz vordringt, kommt sie auch nicht an.

Jeder ist da individuell, manch einer will es als Roman verstehen der andere sachlich, was Du suchst, das sucht Dich. War auch der Titel meines ersten Selbstfindungsbuchs, aus einem Buchladen in der Kölner Innenstadt, es steht heute noch griffbereit und das seit 20 Jahren. Ich kann nur jedem den wunderbaren Dokufilm, Kumaré an Herz legen dazu. Er beschreibt, wie leicht Menschen sich, auf der spirituellen Reise zu sich selbst, (ver)leiten lassen, aber auch die Macht, die in dieser Sinnsuche steckt. Doch zurück zum Narzissmus des Schreibens.

Narzissten neigen dazu, mit Worthülsen zu jonglieren, ihre Schrift, ist oft nicht nicht flüssig, privat eher karg und irritierend. Sie ENTWERTEN!!!!!! Oder streuen Zucker ❤ ❤ ❤ .
Dafür wird kopiert, erfunden, konstante Aufmerksamkeit generiert und ständig darauf hingewiesen, wer man ist und das man großartig und kreativ ist.

Aufmerksamkeitsheischend um jeden Preis. Und so sieht es auch der Grundsatz vor, für erfolgreiches bloggen, Seiten betreiben und Bücher schreiben. Marketing, Klickzahlen und Likes. Sei der Experte mit Bild am besten von Dir selbst, überhaupt Emotionsbildchen ganz wichtig und die Schlagzeile.

All das lässt sich mit ein paar Regeln, Ausdauer und Geld befolgen und dann mit etwas Glück. Boom.
Wie aber erkennst Du nun, ob jemand dies tut, weil es die Branche so fordert oder weil ihn sein erkranktes (gekränktes) Ego treibt, wenn er nicht direkt offen schreibt, wie James Fallon in der „Der Psychopath in mir“?

Hinterfrage das Warum! Das Wie! Und Wer?

Und Du ahnst es schon, hör auf Dein Bauchgefühl.
Es gibt verschiedene Gründe zu schreiben …

Ausdruck der Gefühle/ Mitteilungsbedürfnis
Mit neun Jahren bekam ich mein erstes Tagebuch, seitdem liegt hier eins griffbereit, um meine Gedanken ungeordnet aufzufangen, zu sortieren, festzuhalten und mich gegebenenfalls daran zu erinnern, wie meine Wahrnehmung sich einst in Zeilen spiegelte. Das ist natürlich nie die ganze Wahrheit und zugegeben auch irre peinlich. Wieso malt man denn im Alter von dreizehn, Männernamen quer über die Seite? Projektion? Festgehaltene Limmerenz?

Was ich sagen wollte: Schreibt Tagebücher für Euch! Es ist Therapie für die Seele.
Es gibt auch direkte Schreibtherapie.
Und dann wäre da noch unsere zwischenmenschliche interaktive Schriften.
Liebesbriefe, Urlaubskarten, Beileids und Glückwunschtexte, Chatverläufe. Austausch und Kommunikation. Wobei hier unsere Gesellschaft zunehmend verroht und auch da manipulativ oder nach Schema F agiert.

Manipulation
Der Sieger schreibt die Geschichte oder das Anflirten im Internet. Das geschriebene Wort könnte genauso gut eine negative Absicht mit sich bringen. Einlullen, schuld zu weisen, emotionale Erpressung, verwirren, Abhängigkeit erzeugen, provozieren, Ebenen manifestieren.

Darstellung! Vorhang auf!
Ist der Poet ein Poet? Das Opfer, Opfer? Der Schutzgarten ein Schutzgarten?
Sich in Position rücken ist für viele ein Grund zu schreiben. Da lohnt sich ein Blick hinter die Spiegel, wie authentisch ist der jeweilige Autor.

Schockieren!
Die Schlagzeile, der Skandal, das Monster … mein Sexleben!
So krass wie hier ist es nirgendwo.
Die Leidenschaft der Charlotte Roche.

Sich befreien und Katharsis, reinen Tisch machen.
Dem innersten Raum geben und Reinigung. Aufarbeitung. Verarbeitung.
Das kann auch schockieren, wie Günther Grass, in ‚Was gesagt werden muss.‘

Sich unsterblich machen.
Was zu hinterlassen, kann ein Antrieb sein und ist ein angenehmer Nebeneffekt, der den Verursacher posthum ziemlich kalt lassen könnte.
Heutzutage schreiben ja sogar Katzen eine Biografie sowie 16 jährige Superstars.

Wissen verbreiten, Zeuge sein.
Aufklärung, Hilferufe, Austausch hier ist sie wieder die Kommunikation. Fakenews, Tratsch und Klatsch aber auch Sachbücher und Zeitzeugenberichte.
Dabei Quellen prüfen und auf Authentizität achten, ist ratsam.

Entertainment
Unterhaltung ist auch ein Bereich, mit spannender Literatur, Humor und erdachten, wahren oder modifizierten Geschichten. Doch auch da verstecken sich die anderen Gründe.
Ich schreibe nebenbei, ein persönliches Blog, indem ich zum Beispiel Musiksendungen in Text veröffentliche, dabei hoffe ich das meine 20 Leser dieses Projekts, Spaß haben und sich den einen oder anderen Gedanken mitnehmen sowie vielleicht auch neue Musik entdecken. Das ist so gesehen mein eigenes Entertainment. Andere wiederum verdienen mit derlei Entertainment richtig Asche. Humor, Satire. Schlagzeilen, jeden Tag was Geistreiches, Beschimpfungen und kotzende Einhörner. (Un)Passenderweise hab ich jetzt diesen Witz im Kopf.

Er: Treffen wir uns bei Dir oder mir?
Sie: Wenn das jetzt schon so kompliziert ist, lassen wir es lieber gleich.

Das Geld und Ruhm.
Je mehr kooperative Links und Hinweise auf Mitgliedschaft und Like mal hier. Desto mehr geht es ums Geld. Branchenüblich kommt man ohne Blog, Facebook und Amazonbewertung und (wenn nicht sogar gekaufte) Klickzahlen nicht mehr weit. Der Blog kommt durch die Werbung weiter, als der Anbieter von Leistung. Die Werbung ist ein Geschäft, dem der Narzissmus der Geschäftemacher nur in die Taschen spielt. Aber auch wer etwas verkaufen will, ist manchmal erfinderisch. Und sei es nur sich selbst. Oder die Kopie von der Kopie von der Kopie.

(m)ein Fazit!

Viele Gründe, um zu schreiben und alle bedürfen sie zumindest den gesunden Narzissmus, die meisten aber mehr den extremen selbst ernannten Kreativismus grandiosica*. Um damit Geld zu verdienen, braucht es den Erfolg. Um damit Verständnis und Ansehen zu bekommen, das Feedback und all das geht nie ohne den Leser. Zur Not erfindet man den auch noch mit dazu.

Moment …, (denkst Du jetzt vielleicht),
… pieselt die sich jetzt selbst ans Bein? Und ob! Ich habe diesen Artikel vorausgehend etwa 30 englische Beiträge gelesen zum Thema und 1 ½ auf deutsch. Und das Thema, seit Monaten hin und her gewälzt, und bei jedem Beitrag fragt man sich ja, hm na dass trifft aber bei mir auch so teilweise zu?! Und wenn nun keiner der Fachleute mir gegenüber festgestellt hat, dass ich Narzisstin bin? Wenn ich selbst zu den derart unreflektierten Narzissten gehöre? Dann hätte ich wohl noch eine Reise vor mir … denn ich habe keine endgültige Antwort gefunden.

Ich glaube es nicht zu sein. Zugegeben, ich habe die Größenphantasie, das mich der Schutzgarten überlebt, deswegen will ich ihn auch als kostenloses wordpressprojekt lassen. Denn würde eine Zahlung ausbleiben, wäre auch der Account off. Mein Spendenaufruf hallt durch die Rangliste der am wenigsten geklickten Beiträge. Ich habe für das Feedback und Anfragen die ich gerne beantworte (doch nicht automatisch zu einer Beratung führen) mich selbstständig melden dürfen, um die Zeit die dies einfordert, einräumen zu können. Ob das so aufrechtzuerhalten ist, ist nicht abzusehen und mein finanzielles Risiko.

Es sind Danksagungen und Berichte, die mir zeigen: nicht allein zu sein. Ein Stück weit das sein zu dürfen, was ich mir, für mich selbst wünschte. Ein Wegweiser, Versteher. Eine, die schon da Gewesene, wo man gerade ist, die sagt: Es könnte doch auch so sein und die Idee des Schutzgartens teilt. Ich bin das, weil mein Psychologe mich damals dazu anhielt, mein Wissen zu teilen und anderen somit zu helfen und sicherlich auch mir selbst. Vermutlich, weil er selbst erstaunt war, wie mir meine Erkenntnissprünge und Einsichten weiterhalfen und das Trauma/ Drama des begabten Kindes, unweigerlich dazu führt. Ich bin das, weil ich das bin. Ist das narzisstisch? Ja. Ich denke gesund, aber 100 % wissen kann ich es auch nicht.

Wer den Schutzgarten und mich auf diesem Weg unterstützen mag, findet hier Hinweise wie.

Danke für das bis hier her lesen. Wusstest Du, dass die meisten Menschen nach einem Absatz bereits Information vermindert aufnehmen? Wenn Du das hier liest, bist Du ein Scroller oder eine Ausnahme und ich bedanke mich für Deine wertvolle Lebenszeit, die wir gerade teilen.
Kommentar ist ohne Anmeldung möglich. Ich würde mich sehr, über Feedback, sowie weitere Gedanken zum Narzissmus des Schreibens freuen.

Buchtipp aus der Reihe …

Wer einen tieferen Einblick sucht gerade über den beschriebenen Narzissmus und parallel Praxisbeispiele kennenlernen möchte aus der Sicht eines Neuropsychiater sowie systemischen Therapeuten, der sich auf den männlichen Narzissmus eingeschossen hat, (hier zumeist der grandiose unreflektierte Typ) dem rate ich, mit gewisser Vorsicht, zu diesem Buch.

Maennlicher Narzissmus von Raphael Bonelli

Bonellis Schreibweise ist, für mich persönlich kein Lesetipp für Menschen, die unter narzisstischen Missbrauch leiden, doch ich kann mir vorstellen, dass diese Beispiele einen kleinen Einblick in die Welt der narzisstischen Liebe zu sich selbst oder den verzweifelten Versuch dazu verdeutlichen. So mancher Legende und Geschichte wird unter der Überschrift „Narzissmus“ eine neue Betrachtungsweise verliehen und die Ansätze aus der Selbstzentrierungsfalle zu entkommen genauer unter die Lupe genommen. Zugegeben sind mir die Vorträge des Autors lieber.

ISBN: 978-3-466-34639-4
Erschienen: 29.08.2016 Kösel Verlag
zur Verlagsgruppe Random House FSC

Die Schutzgärtnerin
Manja Kendler
Oktober 2017

*Ha, ein Wort, welches ich erfunden hab. Es steht für die Kreativität die sich Narzissten selbst diagnostizieren.

Advertisements

2 Gedanken zu “Der Narzissmus des Schreibens

Kommentar hinzupflanzen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.