Wenn das Loslassen zur spirituellen Denkfalle wird – Über Akzeptanz und Integration.

Der Frühling ruft. Die Vögel zwitschern um die Wette.
Bei mir wurde die Grünanlage um die Ecke abgeholzt.

Die Stimmung im Viertel kippte spürbar. Ein Kindergarten soll hier entstehen, und auch wenn der Mangel an Kindergärten eklatant ist, dieses Bebauen der restlichen, liebvoll gestalteten Grünanlagen der Stadt, brechen ein in Naturlebensraum und den letzten Funken Naherholung.
Hier leben viele alte Menschen, die es weiter als bis vor die Tür nicht mehr schaffen. Bis zur Bank an das Beet, zwischen Straße und Beton um aufzutanken, zu grüßen, zu schnattern und beobachten, die Pflanzen zu hegen, den Hund tollen zu lassen.

Ich merke, wie mich der Umstand beschäftigt, wie mich der Moment nicht mehr loslässt, wo mir die alte Dame kurz vor Weihnachten erklärte „Hier kommt alles weg!“ und wie drei Monate später, eines Morgens die Männer mit den Kreissägen an mir vorbei zogen und ich abends auf meinem Weg zum Konsum*, ein Schlachtfeld durchquerte. Da kam zum Glück auch hier noch mal der Schnee an und bedeckte alles mit unschuldigem Weiss, aber erst da bemerkte ich, wie es mich trifft, wie das bedecken der Wunden nicht ausreicht.
Es sind keine Kriegsschäden, wie andernorts oder vor Jahren. Doch es drückte mich und drückt auch immer noch.

*Im antikapitalistischen Osten hieß es Konsum oder Kaufhalle ich finde da weiß man eher was man da macht, statt beim Discounter oder Supermarkt.

Das Paradox:
Loszulassen was nicht festzuhalten ist

Akzeptieren von Veränderungen ist etwas, was nicht von heute auf Morgen gelingt und ich habe da eine extra Resilienzzeitspanne.

Veränderungen machen mich erst mal zum Urzeitwesen und dann fall ich Klippen, schrumpfe zu einem Wurm, stampfe, heule und lass meinen Emotionen Raum aber begebe mich auf Lösungssuche, sobald ich mir Luft gemacht habe und dann brauch ich Zeit mich an die Situation zu gewöhnen.
Bis jetzt war immer eine Lösung da, irgendwann. Aber wisst Ihr, wie es bei mir noch nie funktionierte?

„Musste loslassen!“

Was? Nee muss ich wohl nicht. Was ich nicht besessen habe oder halten kann, was soll ich da loslassen? Ich habe diese Theorie mir versucht einzutätowieren, aber das Paradox ist doch, dass es so mir suggeriert ich würde etwas festhalten, wo der Schmerz über das „Nicht halten“ können verdeckt wieder zuspielt.
Kurz: Ich trigger mich selbst.

Also doch annehmen, was ist!
Seitdem ich meine Bedürfnisse und Gefühle annehme, aber eben auch aufhöre, einem einzelnen Gefühl die Hoheit auszusprechen, gelingt mir es, das, was vielleicht mit Loslassen gemeint ist zu praktizieren. Abstand und eine andere Betrachtungsweise.

Ihr kennt das vielleicht, wenn der Kühlschrank leer ist und keine Möglichkeit vorhanden, einzukaufen? Was ich da im Kopf beginne, Hunger zu haben, über Essen nachdenke, über den 2 Wochen Vorrat das ist der Wahn-Sinn.

Merkwürdigerweise habe ich das nicht, wenn mein Fokus sich auf andere Dinge konzentriert. Nun ist Nahrung überlebenswichtig, jedoch zähle ich die Verbindung zur Umwelt und Harmoniebedürfnis auch dazu. Mir zu erlauben, wie ich fühle, bewusst lieben, trauern oder dankbar sein, das mit der Realität im Einklang sein, gehört aus meiner Sicht dazu. Annehmen und integrieren nur nicht mehr aufsaugen, wie ein Schwamm.

Ein Gefühl jemanden zu lieben, ist zeitlos, es ist. Unabhängig, ob das Lebewesen nah, fern, tot oder lebendig ist. Liebe tut nicht weh, es sind Erwartungen, Enttäuschungen, Vorstellungen, Muster, Glaubensbilder und Wunden, die uns ein Bild von Liebe geben, als ob es um einen Kampf geht. Und in diesem Kampf sagt dann jemand, Du musst loslassen?! Das ist, wie sich den kleinen Zeh zu rammeln und jemand sagt: „Hack das Bein ab!“ anstatt „Kühle den Zeh!“

Bedürfnisse und Bedürftigkeit

Ich wunderte mich in meinen Beziehungen oft, warum meine Partner nicht für die Beziehung kämpften. Wow dass war Muster und der Glaubenssatz schlecht hin. Ich traf damit meistens auf Ablehnung. Yeah. Ich war noch nicht bereit zu verstehen, dass Beziehungsarbeit kein Kampf sein sollte und Austausch der natürliche Weg ist. Geben und Nehmen. Und der Gedanke loszulassen, nicht mehr zu geben… löste Panik aus, anstatt mein Los zu zulassen, wollte ich an meiner Liebe festhalten und doch sind Rios Reisers Worte erst spät bei mir so richtig angekommen, hier von Freundeskreis interpretiert.

Wenn Bedürfnisse ignoriert werden tragen alle Verantwortung und ja der Ursprung liegt da, wo ich anfange, meine Bedürfnisse zu ignorieren, unauthentisch werde, weil ich denke so und so müsste ich sein, dann …
…oder ich erwarte, dass mein Partner jetzt doch mal etwas ändert, ich habe es ihm doch oft genug gesagt. (Emotionale Erpressung)
Auch diese Muster kann ich nicht loslassen, ich lerne sie zu erkennen, zu verstehen und sie zu integrieren, indem ich meine Bedürfnisse wahrnehme, hinterfrage aber sie nicht auseinanderpflücke, sondern viel mehr verknüpfe und ernst nehme. Sie nicht mehr jemand zur Aufgabe mache, der nicht bereit dazu ist, sie zu erfüllen. Loslassen ist vielmehr anzunehmen was zu mir gehört und aussortieren was nicht.

Innehalten, Annehmen und Aussortieren

Der Schmerz daraus fordert Fokus, den mit größerem Schmerz abdecken zu wollen macht es selbstzerstörerisch. Ja ich habe geliebt, ich liebe.

Die Menschen, die ich so gesehen habe, wie ich sie sehen wollte, ist teils Manipulation von Außen gewesen, doch auch eine adaptive narzisstische Verhaltensweise von mir selbst.

Liebe ist eine innere Kraft. Man kann sie ja vielseitig nutzen und es gibt da keine Grenzen zwischen gut und böse. Also kann sie sich auch gegen einen richten, genau da, wo es wehtut.

Es waren Erfahrungen, was nützt es mir da mit Schuldfarbe alles Schwarz oder Weiss malen, ist es nicht besser die Farben anzuschauen, die da sind?
Die Menschen brauchen unterschiedlich lange um Dinge zu akzeptieren, anzunehmen und damit zu leben. Tröstlich ist mir der Gedanke, dass sich alles im Wandel befindet und genau da, das Innehalten und Zulassen von Bedürfnissen, Erinnerungen und Gefühlen, das Leben lebendig werden lässt.

Ich stehe auf dem Schlachtfeld und weiß, dass ich diesen wundervollen Tag hatte, mit vielen schönen Momenten doch zwischen den zerteilten Bäumen und harzquellenden Stümpfen fühle ich mich so was von getriggert, der Tag rückt in den Hintergrund und die Nacht will mich verschlingen.

Nur langsam erinner ich mich an meine schutzgärtnerischen Tipps: Atme! Was will Dir das sagen? … Erster Gedanke ich hätte doch was tun können. Zweiter: Ich will das nicht loslassen müssen, meine kleine heile Welt.
Ein Spiegel für diese laute Welt, um mich herum und meiner Erinnerungen.

Ich kann, einen zersägten Baum, nicht wieder zusammensetzten.
Tannen, Birken, Buchen, der Korkenzieher Strauch und Forsythie lagen um mich herum und ich mittendrin. Von allen nahm ich ein bis zwei Zweige mit nach Hause, ein letztes, wehmütiges Blühen.

Die folgenden Tage nahm der Schmerz ab, noch heute stehen ältere Anwohner kopfschüttelnd und ohnmächtig am Rand und betrachtete das, was übrig blieb. Die Vögel kehrten erst nach drei Tagen wieder, wo das Elsterpärchen jetzt hingezogen ist … wir wissen es nicht.

„Ich will frei sein wie ein Vogel unabhängig laut und bunt,
will gleiten über Meere, Meilen unter mir der Grund“
Weg zu mir – Manja Kendler

Es gibt uns die Chance ein Mal mehr durch Veränderungen zu begreifen, das wir Menschen sind, Bedürfnisse haben, die wir manchmal erst spüren, wenn sie uns genommen werden oder wir sie uns nehmen wollen. Dazu gehört auch trauern und lieben, glückliche Momente oder auch Mal Langeweile- nicht fest mehr so innezuhalten.

Ich bin dankbar dieses kleine künstlich angelegte Grünparadies mit all seinen Bewohnern jahrelang genossen zu haben, meine Beine tragen mich noch bis zum nächsten Grün, wie es für die älteren Menschen ist, weiß ich nicht. Ein paar werden ihren Balkon nutzen und sich da eine kleine Oase in der Stadtwüste erschaffen.

Wenn uns doch die glücklichen Momente so festhalten würden, wie es die unglücklichen Momente des Lebens tun, würden wir vielleicht die Leinen einfach losmachen?!

Nachtrag.
Nach dem Veröffentlichen des Textes bin ich noch mal vor die Tür und oh Freude.
Ratet mal, wer heute in die Tanne vorne an der Ecke gezogen ist oder besser gesagt sein Nest gerade baut. Ja, das Elsterpärchen. Die brauchten wohl auch etwas länger.

Die Schutzgärtnerin
Manja Kendler
Spirit/Coach
März 2018

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4 Gedanken zu “Wenn das Loslassen zur spirituellen Denkfalle wird – Über Akzeptanz und Integration.

  1. Liebe Manja,

    welch schöner und kraftgebender Text. Vom Mut, in sich selbst hineinzutauchen.
    Vom Loslassen handelt auch das Buch „Liebe & Bindungsangst“ von Hannah Cuppen. Ich kann es sehr empfehlen – ich muss manche Stellen jedoch mehrmals durchlesen, da sie viele alte Muster in mir sichtbar werden lassen und diese sich nicht sofort durch neue ersetzen lassen.
    Ich freue mich sehr, dass das Elsternpaar nun eine neue Heimat gefunden hat. Und ich hoffe, dass sich viele Anwohner hin zu einem „Alternativen“ Balkongrün und noch mehr Gesprächen miteinander wenden 🙂
    Alles Liebe,
    Julia

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  2. So ging es mir, als ich vor einigen Wochen bei uns durch den Wald gelaufen bin. Diesen Winter wurde er, ich kann es nicht anders beschreiben als, ausgeschlachtet. Viele schöne alte, gesunde Bäume einfach abgesägt. Ich war sehr fassungslos, traurig und wütend zugleich.
    Von einer Esche, an der ich oft vorbeikam habe ich auch ein paar Rindenstücke mitgenommen. Mir lag dieser Baum tatsächlich sehr am Herzen, ich fand ihn wunderschön.
    Ich bin immer noch geknickt, wenn ich durch den Wald gehe. Jetzt wo es zu blühen anfängt und die Blätter langsam herauskommen ist es nicht mehr ganz so schlimm.
    Aber es braucht wirklich Zeit 😉
    Grüße

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    1. Danke für die Zeilen. Die Stürme haben aussortiert.
      Letztens sah ich einen Bericht, in dem es hieß wir brauchen neue widerstandsfähigere Baumarten. Ich erlebte mal eine umgedrehte Geschichte. Mein Kraftort der Kindheit wurde mit einem Birkenwald bepflanzt. Auch komisch 😉 das nach über 10 Jahren zu sehen. Hat mich getroffen.
      Der Mensch ist ein Gewöhnungstier da hat alles seine Zeit. Die Elstern schimpfen noch täglich ihren abgesägten Baum an, ich war schon drauf und dran zu sagen: es reicht, aber was weiß ich denn, wie es sich für sie anfühlt? Und genau das ist es ja auch was mir dann schwer fällt es zu akzeptieren, es braucht Zeit und wie lang ist individuell.
      Grüße zurück

      Gefällt 1 Person

      1. Leider werden die abgesägten Bäume bei uns, zu Holzbrikkets verarbeitet, die waren nicht Sturm gefährdet. Einfach nur fürs Geld. Ich könnte es glaub ich besser akzeptieren, wenn es wirklich einen Sinn gehabt hätte.
        Ohne einen wirklichen Sinn dahinter, kann ich solche Gegebenheiten meist dann einfach nur abhaken.
        Ein gewisser Groll bleibt, aber ich hake es schneller ab und schaue was ich für mich positives gestallten kann.
        Ja, der Mensch ist ein Gewohnheitstier 😉
        Die Elstern hatten wohl auch schon geplant, ja, kann ich gut verstehen, dass es bei denen auch Zeit braucht. 😉 Im nächsten Jahr haben sie sich wahrscheinlich auch mit ihrem neuen Nistplatz angefreundet, dann wird es nicht mehr so laut.
        Grüße

        Gefällt 1 Person

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