Wollen wir über die Wut sprechen?

Über meine Sicht zur narzisstischen Wut habe ich hier bereits geschrieben. Über die Spirale der Scham, Schuld und Wut in diesem Beitrag. Wenn Wut zum Thema wird, ist eine Grenze erreicht, die stets die Überschrift trägt: „STOP!“ – bis hier hin und nicht weiter!
Wut schwingt höher als Angst oder Trauer, Scham und Schuld aber nicht jede Wut ist gleich und fordert dasselbe und es ist aus meiner Sicht nicht nur zerstörerisch, vielmehr auch erschaffend.

Warum werden Menschen wütend?

Wut ist weltweit ein menschliches Gefühl, welches sich äußert. Antwort auf feindselige Handlungen, aber auch für positive Darstellung seiner selbst innerhalb einer Rangordnung (der Politiker, der seine Kollegen beschimpft, die Entwertung von narzisstischen Menschen) und wenn der Gerechtigkeitssinn getriggert wird.

In den meisten Fällen ist Wut eine Reaktion, biologisch weit zurück verankert im Flucht Kampf Modus. In der Gesellschaft wird Wut, oft zum Anlass genommen, wütend auf den Wütenden zu sein und das keine Grundlage wäre, für Diskussion. Emotionale Menschen werden den inneren Kampf kennen, ihre Wut achtsam zu unterdrücken, wegzuatmen, schweigen. Es sind Glaubenssätze, die zunehmend das „Wütendsein“ (wie in China), als unsozial interpretieren und in gesellschaftlicher Hypnose abtrainieren, in dem wir dem Wüterich absprechen, sich menschlich zu benehmen, wenn er der Erregung oder dem Motiv nachgeht, es sei denn, wir haben es akzeptiert, das es zu seinem Job oder Wesen gehört und wir ihn dabei weiter zum Subjekt unserer Wahrnehmung machen.

Wut ist nicht gleich Aggression.
Wut kann positiv und negativ sein. Wut kann spontan oder reaktiv auftreten, Wut kann ernst und spielerisch sein.

Frustration, Schmerzen, Hunger, Furcht, Kälte und Hitze können Wut hervorbringen und zeigt an: Hier ist etwas zu ändern!

Reiten wir mit dem Pferd der Wut los, kann es passieren, dass wir aggressiv wie eine Furie wirken oder agieren. Da indem Moment schon der weibliche Serotoninspiegel sinkt und bei Männern der Testosteronspiegel steigt, wird Platz für die frontale Enthemmung im Gehirn, weil bereits das Reptiliengehirn übernommen hat. Dies kann dann verbal/nonverbal Ausdruck finden und im schlimmsten Fall führt uns das Durchsetzen wollen von Abwehr, Wünschen, Beachtung oder Rache in die Aktion der Aggression.

Davor liegt meist noch der Ärger oder Zorn.
Das sind die Vorboten und diese gehen nicht automatisch in Aggression über.
Aus meiner Sicht ist es wichtig, wenigstens sich selbst gegenüber nicht der Verweigerer zu sein, genauer hinzuhören. Es ist auch in der gewaltfreien Kommunikation wichtig Wut angemessenen Ausdruck zu verleihen, in dem man über seine Gefühle und Bedürfnisse spricht, sich nicht versucht vor der Wut zu verstecken und ihr nicht den ganzen Raum beliebig überlässt. Zorn liegt meist nicht bei uns, sondern im Außen, während wir uns sehr gut auch über uns selbst ärgern können. Erst wenn negative Affekte und die Bereitschaft zum aggressiven Handeln parallel auftreten, wird Wut zur Aggression.

Das heißt, da bleibt dem erwachsenen Menschen, bei psychischer Voraussetzung der Selbstregulation ein Zeitfenster die Wut zu verstehen.

Wenn ich wütend bin, spür ich das im Bauch, mein Herz schlägt im Hals und ich bekomme den Drang das zu verbalisieren, provoziert mich jemand, werde ich lauter.
Verteidigungsmodus aktiviert. In narzisstischen Strukturen ist das Stresslevel irgendwann voll und reagiert auf kleinste „Bedrohungen“. Daraus folgen nur zwei Möglichkeiten Annahme oder Ablehnung. Auch in jeder gesunden Beziehung kommt es zu dieser Entscheidungsfrage, wie wir mit Wut umgehen wollen.

Auch hier sind es Muster aus der Kindheit, wie wir erlernt haben, wie wir andere in Wut erlebten und unsere eigene Wut ausleben durften.Durften wir sie erfühlen und ihr auf den Grund gehen, über sie sprechen, nach Lösungen suchen? Wenn es nach der Lerntheorie von Albert Bandura geht, sind das wichtige Faktoren. Doch auch die Theorie der reinen Abreaktion oder Freuds Trieberklärungen haben großen Beitrag zum derzeitigen, psychologischen und gesellschaftlichen Verständnis über Wut geleistet.

Mein persönliches, spirituelles Verständnis über Wut.

Der Buddhismus wird hier nur begrenzt mein persönlicher Freund, denn ich sehe meine Wut nicht als Geistesgift an, sondern vorerst als Energie und ein Hilfezeichen. Wie ein guter Freund der ein Machtwort ausspricht: STOP! Da läuft etwas gewaltig schief. Es ist meine Angst im „Bitte ändere was Modus“ und eine Möglichkeit gibt, einen Blick auf die Realität zu erhaschen.

Bin ich in einer dysfunktionalen Beziehung wütend, kann ich mir durch unterdrückte und verdrängte Wut die Beziehung wieder gestalten, würde ich jene rauslassen … müsste ich ja auch mit dem Ergebnis leben und der nach Veränderung schreienden Tatsache – bis hier hin und nicht weiter!
Das Ventil öffnen, aber wie?

Ärger distanziert uns vom Geschehen und ohne die Wut – keine Grenzen.
Der Funke, den der Buddhismus anspricht, den ich mir rauspicke, ist: die Aktion, die daraus folgt, sollte besser unabhängig von Emotionen sein und dafür ist zur Ruhe zukommen gut. Ich persönlich benötige Gespräche, um meine Wut zu entlasten und Wege zu finden, die richtigen Lösungen zu finden. Mich nicht mehr ohnmächtig zu fühlen oder den Schmerz anzunehmen. Meine Wut zu unterdrücken, triggert mich. Denn wenn ich wütend bin, kenne ich im besten Falle bereits den tieferen Grund und dann ist es 5 vor 12 eine Wahl zu treffen. Die Frage ist dann: Kann ich es ändern, annehmen oder es hinter mir lassen? Und je mehr Raum und Zeit mir bleibt, der Wut auf den Grund zu folgen, desto weniger benötige ich, um alle Pferde wieder friedlich im Stall stehen zu haben und Lösungen zu finden.
Nun kann aber Wut auch durch andere Reize unsere innere Grenzen belasten.
Neuropsychiatrische Krankheiten, Erregung, aggressive äußere Hinweisreize, soziale Toleranz, Computerspiele, Fernsehen, Populationsdichte nicht immer geht es vorwiegend um den inneren Selbstschutz, am Ende liegt er doch dem Ganzen zugrunde.

Nach Dodge´s Theorie  entwickelt sich die Tat zur Wut prozessartig.
1. Wahrnehmung der Provokation
2. Interpretation der Beobachtung
3. Definition der eigenen Ziele
4. Prüfung der Reaktionsmöglichkeiten
5. Auswahl
6. Durchführung

Wie ich schon erwähnte halte ich es für eine Königsdisziplin, den buddhistischen Weg zu folgen, mir persönlich ist nach Phase 1. nicht immer danach (und oft auch nicht mal der Rahmen) mich in schweigende Meditation zu begeben und es wegzuatmen. Gerade im privaten Umfeld neige ich dazu, wie schon beschrieben meiner Wut auch mal Raum zu geben, auch und gerade dann, wenn ich schon darüber meditiert habe und jemand meine Grenzen überlatscht, die ich klar signalisiere. Wut ist gelebter Stress.

Es ist ein Symptom für: Ich bin verletzlich und brauche beständigen Schutz.
Heute bin ich soweit, Menschen als Blockade zu empfinden, die es nicht „aushalten“ können, Wut zu erleben oder weiter triggern (Opferdkontrolldynamik). Die mit der Wut anderer bewusst oder unbewusst spielen und nicht erkennen, wie es eine Reaktionsspirale mit sich bringt, und so die Chancen vermindert sind ein gemeinschaftliches Wohlbefinden wieder herzustellen. Gerade durch meine Vorgeschichte musste ich vorerst erlernen, dass Wut auch berechtigt sein darf, und nicht nur reine Überreaktion ist. Dass Wut etwas, mit den eigenen Grenzen zu tun hat, die völlig niedergerissen nicht mehr funktionierten. Erlernen wütend sein zu dürfen, es zu hören, es zu verbalisieren und zuzulassen sowie positive Konsequenzen folgen zu lassen.

Ich hinterfrage meine Wut, was mich verletzt oder bedroht und wie ich das ändern kann. Meinen Gegenüber mag die Wut nicht schmecken, wenn er jedoch die Chance nicht bekommt, meine Grenzen deutlich wahrzunehmen, kann ich eventuell auch nicht spüren, ob ihn das überhaupt interessiert.

Das reinigende Gewitter.

Es blitzt und donnert und danach ist die Luft wieder rein.

Ich bin aufgewachsen in einer Welt, wo man wütend sein darf, wenn es die Gesellschaft akzeptiert, aber selten über die Hintergründe kommuniziert wird. Menschen hat früher der Zorn Gottes bei Blitz und Donner verschreckt. Nur wütend sein ohne anschließende würdevolle Kommunikation der Vorstellungen wirkt, wie ein Pfropfen im Vulkan.

Ich wünsche mir zumindest für meinen engsten Kreis dass dafür Platz sein darf – mit der Wut umzugehen und wir versucht sind, den Schaden durch unterdrückte Wut und undefinierter Wut, schwelender Wut, und der stillen Wut kein Aggressionsspielraum zu geben viel mehr Ohr und ernsthaftes Interesse.

Dafür ist es wichtig in meinen Augen Wut von seinem engsten Kreis (aus)halten zu können, wenn sie klar benannt wird, bei sich zu bleiben und der Wut auf Ursachensuche zu folgen. „Ich fühle mich wütend, weil ich verletzt oder bedroht bin, wenn das oder jenes passiert …“ war und ist eine Erkenntnis, die mich aus dysfunktionalen Beziehungen rettet, vor Abwegen warnt und erinnert meine Würde zu bewahren, gerade wenn ich dabei bin, sie durch Wut zu verlieren.

Was mir hilft, außer darüber zu sprechen?
Oder, wenn ich noch nicht erforscht habe, was mich wütend macht:
Wütende Musik (siehe der Wut Soundtrack, im Schutzgartenradio)
laufen gehen
Bedürfnisse hinter den Gefühlen aufspüren
(sarkastischer) Humor und Dadaismus
Bauchatmung
Wasser trinken
Papier zerreißen
Wäschesack boxen
Meine Gedanken herausschreiben, wie sie mir kommen
Die Wut addressieren, welches Thema liegt dem zu Grunde
Fokus, auf die Dinge, die ich aktiv ändern kann richten.
Die enstandene Energie positiv nutzen.

Sollte Dir Deine Wut selbst abhanden oder zu anstrengend sein, rate ich Dir zu einem Therapeuten.

Auch heute noch ist mir nicht immer der Hintergrund meiner Wut sofort bewusst, doch bei aller Gefahr der Destruktivität, steckt auch ein Stück Neues erschaffen wollen, in Ihr. Die Frage ist, ob der Raum und Zeit vorhanden ist, den eigenen Code dahinter zu entschlüsseln. Am besten im Austausch über Gefühle oder Bedürfnisse und dem Anerkennen das, die Wut eine der stärkeren Emotionen ist und ihre Unterdrückung zur Krankheit führt, wie auch permanent gelebte Wut ohne aktive Veränderung. Der höhere Sinn hinter der Wut? Die Aufforderung nach Transformation der Energie.
Zwei Seiten einer Medaille. Ich hoffe, es gelang mir, diese etwas zu drehen und zu wenden.

Die Schutzgärtnerin
Manja Kendler
April 2018

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Ein Gedanke zu “Wollen wir über die Wut sprechen?

  1. Wut ist etwas ganz wichtiges! Dahinter verbergen sich unerfüllte Bedürfnisse bzw. kann auch Trauer dahinterstecken, wenn man nicht das bekommt, was man sich vorstellte… die Kunst ist es dann, die Wut wahrzunehmen und zu schauen, was sich wirklich dahinter verbirgt.
    Es gibt nicht wenige Menschen, die ihre Wut gar nicht mal spüren! Meine Meinung ist, dass das noch viel ungesünder ist, weil es eine gesunde Abgrenzung sehr schwer macht.
    Von daher: Wut tut gut, nur Mut!
    Außerdem spürt man sich selbst außerordentlich gut mit Wut – nur finde ich, dass man tatsächlich nicht immer gleich alles so rauslassen sollte – denn oft stecken auch eigene, unrichtige Annahmen dahinter. Vielleicht macht es ja die Mischung: Ausdruck der Wut und trotzdem im Zuhörmodus bleiben…

    Liebe Grüße,
    Julia

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