Narzissmus und Suizidalität – drohend, appellativ, erweitert und antifusionär

Ich schiebe diesen Beitrag, seit Schutzgarteneröffnung, vor mir her. Das Thema hat mich über 2 Jahre begleitet und war für mich nur Stück für Stück beschreibbar.

Dieser Beitrag könnte triggern. Passt auf Euch auf!

Es war ein gewöhnlicher Frühsommertag, an dessen Morgen ich mich ausgelaugt zu meinem Psychologentermin schleppte und in der Bahn ein Gespräch verfolgte. Die Trennung nicht lang her Überlebensmodus und der Versuch, all mein neu erworbenes Wissen über Narzissmus einzuordnen, hatte mir eine Art Schutzpanzer gebaut, mich vorläufig nicht unbedingt Menschen zu nähern. Doch die zwei Damen unterhielten sich über einen jungen Mann, der sich öffentlich kürzlich das Leben nahm.

In diesem Moment konnte ich nicht um hin, das Gedankenkreiseln anzuwerfen. Noch hallten Sätze wie „Wenn ich Dir nichts antue – tue ich mir was an“ „Das Leben ist scheiße!“, „Mich hält hier nichts!“, aus der letzten Beziehung nach. Und gleichzeitig dieser Schauer über die Arroganz und gesuchte Aufmerksamkeit. Diese Switch-Momente, eben noch depressiv und tendenziell suizidal, dann ist schlagartig alles wieder ertragbar und nicht so schlimm. Die Depression unser beider Begleiter.
Panik und Bilder stiegen in mir auf, auf der einen Seite unvorstellbar auf der anderen Seite spürte ich, wie mich derlei Tat posthum ein weiteres Mal in den irrationalen Kreislauf ziehen könnte, das wovor ich mich versuchte gerade zu schützen.

Aber Narzissmus und Suizid? Passt das denn?

Oh doch!
Wie mir ein paar Minuten später mein Psychologe erklärte, sind es gerade Menschen mit einer Narzisstischen Persönlichkeitsstörung oder narzisstischen Störungen, die auch in ihrem Abgang Öffentlichkeit suchen, tatsächlich ist es eine unbeholfene Antwort auf Konflikte, wie der sogenannte appellative Selbstmord und auch der erweiterte Suizid mit Einbezug fremder Personen.

Zuhause forschte ich los, und bin auf einen Gamechanger gestoßen.

Warum Gamechanger?
Nun, aus Taktiken, Red Flags und psychischer Gewalt sowie meiner Abhängigkeit und Vorstellung damit leben zu wollen, wurde auf einmal ein lebensgefährliches Spiel, nicht nur für mich.
„Du bist so viel stärker als ich“, sagte er einst, als ich am Boden lag und da verstand ich, was damit gemeint war.

Sie können Ihr eigenes Drama nicht oder kaum ertragen, daher die Flucht in die Manipulierung und das „kontrollieren wollen“ von Emotionen. Deswegen, dieses „nicht ertragen können“ von Nähe und gleichzeitig die Angst vorm Alleinsein. Und all das übertragen sie im Laufe einer Beziehung auf ihr Gegenüber. Und wenn der dann anfängt, zurück zu spiegeln … Ist der Kreislauf von Schuld und Scham perfekt.

Einige „Experten“, wie Sam Vaknin, seinerseits bekennender Psychopath und Aufklärer über Narzissmus, gehen davon aus das sich Narzissten selten selbst töten, wie hier in seinem Beitrag, erklärt er das es grundsätzlich gegen den Narzissmus als solches spricht.
Und mehr als Selbstmordgedanken zu verstehen sind, die wiederum als Tool zur Kontrolle, Hoovering, Ablenkung und Manipulation benutzt werden. In vielen Fällen mag es treffend durchschaut, doch nicht zu Ende gedacht.

Der kanadische Kriminalpsychologe Robert D. Hare startet Versuche, der Gefühlsannäherung an die eigenen Dramen mittels Shakespearedramen, bei Gefängnisinsassen, die als Psychopaten diagnostiziert wurden.
(Wobei nicht jeder Narzisst Psychopath ist, aber jeder Psychopath Narzisst.)
Praktischerweise hilft dies vielen Insassen und ist ein wirksame Methode. Doch hier war es nicht das erhoffte Verständnis für ihre Opfer und ihre Taten, mehr das Erkennen ihres eigenen Dramas, welches folgte und ihre Bereitschaft zum Suizid rapide heranwachsen lies. Diese Erkenntnis und andere haben, in den letzten Jahren zur Verbesserung der präventiven Maßnahmen und Therapien bei narzisstischen Störung geführt. Doch bis Narzissten zum Therapeuten gehen, ist die Krise schon eher ein Kontrollverlust. Ich erkannte, für mich ist die Therapeutennummer: Narzissten retten zu wollen, ein Risikospiel, von dem ich keine Ahnung hab und lieber die Finger lasse.

Die Veranlagung bei den meisten narzisstischen Menschen, ihren eigenen extremen Narzissmus komplett auszublenden, folglich auch keine Hilfe zu benötigen, ist Teil der mentalen Erkrankung und eine Art labiler Selbstschutz.

Während Freud noch die Suizidalität als Wendung gegen das eigene Ich verstand, lies 1974 Heinz Henseler, eine andere Vermutung anklingen, die sich mittlerweile in empirischen Studien nachweisen lässt. Bei pathologischem Narzissmus wendet sich die die Tat bewusst gegen die erlebte Welt.

Nach Henseler gibt es 3 Gründe für narzisstische Selbsttötungsabsicht.

1. Angenommensein (Ausgrenzung, Isolation, Ablehnung)
2. Wert und Macht (Versagen, Verlust)
3. Kränkung, der psychosexuellen Identität

Jürgen Kind brachte es mit dem Begriff antifusionäre Suizidalität auf den Punkt.
Es beschreibt die suizidale Tat bei pathologischem Narzissmus mit Verbindung im Diesseits statt Verbindung zum Jenseits.
Das erklärt warum narzisstische Menschen dazu neigen, anderen mit ihrem Tod zu drohen und emotional zu erpressen.

Eine rasche Krisenintervention durch Therapeuten ist notwendig und sinnvoll, es ist zwar eine Herausforderung für Therapeuten, jedoch nicht unmöglich und mit Aussichten verbunden Betroffenen durch Aufklärung und Beistand Möglichkeiten aufzuzeigen, auch in ihren narzisstischen Krisen eine Balance zu finden.

Du trägst für Sie oder Ihn, (k)eine Verantwortung!

Die narzisstische Krise entsteht durch Kränkungen, die bei toxischer Beziehungsstruktur nicht ausbleibt, wie eine Trennung. Und dann beginnt der (in der Kindheit bereits verzerrte) Selbstwert mit der Führung.

Vielleicht hast Du die Ambivalenz erlebt, die wiederum nicht untypisch für suizidale Gedanken ist. Anders als bei Depressionen mit suizidalen Gedanken erleben sich Narzissten, in ihrer Vorstellung über den Tod hinaus als lebendig und überschätzen ihre eigene Aggression.

Wie die Kinder- und Jugendpsychiaterin Annette Duve, laut Echo-online, erforschte: „Sei Suizid die zweithäufigste Todesursache bei Fünfzehn-bis Zwanzigjährigen. 25 Prozent der depressiven Patienten unternehmen Selbstmordversuche. Den Jugendlichen sei oft nicht klar, dass der Tod wirklich das Ende des Lebens bedeute, Sie malten sich aus, wie ihre Familie und ihre Freunde am Grab um sie trauern. Dass sie davon nichts mitkriegen würden, kommt ihnen nicht in den Sinn. Sie begreifen Suizid als ’narzisstischen Triumph`. “
Ob sich NPSler, Borderliner, Histrioniker u. s. w. etwas antun, liegt nicht in Deiner Hand und doch weise ich darauf hin, dass das Prinzip dieser Kränkungen und die Folgen der Vorhaltungen über narzisstisches Verhalten und das „entlarven wollen“, genau dieses Risiko mit sich bringt, diesen Trigger in Gang zu setzten. Deshalb schrieb ich bereits hier, dass mit dem Erkennen die Aufgabe kommt, sich selbst aber ein Stück weit auch die Narzisstin oder den Narzissten zu schützen, indem man statt der Konfrontation und dem Hoffen auf Veränderung, sich im Gegensatz zu dem Rat Betroffene von Depressionen nicht allein zu lassen, für Kein Kontakt entscheidet.

Wie bei jeder anderen mentalen Erkrankung sind hier Fachmänner und Frauen gefragt.

Ich habe in meiner Zeit als Schutzgärtnerin bislang mit den Angehörigen von drei unterschiedlichen Suizidfällen bei narzisstischer Störung, Kontakt gehabt. Die gedachte Wirkungsabsicht der Narzissten, blieb jedoch in allen drei Fällen aus.

Dafür sind die Berichte über die Androhungen nicht mehr zählbar. Mit dem nötigen Fachwissen gibt es auch Wege, die es für Angehörigen möglich macht, offen damit umzugehen.

Es ist wichtig das Ihr, wenn Euch suizidale Drohung passiert, Bekannte der- oder desjenigen oder/und die Polizei informiert nach der Person zu sehen. Euch selbst Unterstützung holt – die Dynamik zu verstehen und seelisch zu verarbeiten.

Ebenfalls ist es aus meiner Sicht wichtig, Depression als vielfältiges Krankheitsbild zu verstehen, die Unterschiede und Zeichen zu erkennen sowie wann jemand, welche Art von Hilfe braucht, denn Depression ist ein Zeichen für psychische Probleme.

Für dieses Thema soll Platz in einem weiteren Beitrag sein, denn Co-abhängige und Langzeitpartner von Narzissten werden früher oder später selbst depressiv, Depression hat verschiedenste Ursachen und ist u. a. eine der Nebenwirkung von narzisstischem Missbrauch.

Weitere Anlaufstellen zur Selbsthilfe und Beratung

http://www.suizidprävention-deutschland.de

http://www.suizidpropphylaxe.de

Hilfe für Angehörige nach Suizid
http://www.agus-selbsthilfe.de

Telefonseelsorge Deutschland
0800/1110111 oder 0800/1110333

Weiterlesen/Quellen?
Heinz Henseler – Narzißtische Krisen. Zur Psychodynamik des Selbstmords
T. Bronisch, M. Frank: Narzissmus – Depression – Suizidalität
O. Schwald, G. Dammann: Krisenintervention bei narzisstischen Persönlichkeitsstörungen

Die Schutzgärtnerin
Manja Kendler
November 2018

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2 Gedanken zu “Narzissmus und Suizidalität – drohend, appellativ, erweitert und antifusionär

  1. Liebe Manja.
    Vielen Dank für diesen Beitrag, der mir im Zusammenhang mit dem Beitrag von Corinne , helfend in den Schoss fiel.
    Zum einen mit der wiederkehrenden Feststellung, dass ich mich selbst gar nicht mehr als Opfer betrachte, weil ich erkenne und handeln kann. Vielmehr löste der Blog von Corinne das Gefühl des tiefen Mitleides aus, wenn man bedenkt, dass die “ Täter“ ihr Erlebtes Trauma an den Partner oder sonst wen übertragen und letztlich wieder Ablehnung erfahren, weil sich das Gegenüber ebenso anfängt zu schützen.
    Durch Deinen Beitrag jetzt, wird mir klar, dass ich grundlegendes falsch gemacht habe…Ihn konfrontiert…Dass das immer verkehrt war, habe ich immer deutlich zu spüren bekommen. Aber wie will man einen Konflikt lösen oder Grenzen aufzeigen, wenn man das Problem nicht ansprechen darf, ohne Gefahr zu laufen, dass dieser sich verletzt fühlt.
    In sofern agiert man streckenweise selbst schon narzisstische, indem man zum Beispiel emotionale Erpressung anwendet, wenn ich zum Beispiel sagte : “ Schlägst Du mich noch mal, dann komme ich nie wieder „…
    Damit wurde seine Verlust Angst natürlich getriggert, aber wie sollte ich es sonst klar machen, dass er meine Grenzen mehr als überschritten hatte und auch weiter überschritt.
    Irgendwann war sein “ Leid“ dann so gross, dass er suizidale Versuche unternahm,natürlich hat er solange gewartet bis ich kam.
    Ich kann noch nicht mal sagen, dass er ein permanenter Lügner ist, weil irgendwo dazwischen die Wahrheit war, und damit meine ich nicht seine Wahrheit. Sätze wie “ Spiel nicht mit meinem Ängsten “ oder “ Lauf nicht immer weg „.
    Mir blieb mir zu Deeskalation gar nichts anderes übrig und auch zum Schutz meiner Kinder.
    Wutanfälle, Beleidigungen, Denunzierungen, Drohungen und körperliche Angriffe, genauso wie Zerstörungswut standen mehr und mehr an der Tagesordnung.
    Dein Ausspruch “ Du bist meine Wutprobe“ bekommt in diesem Zusammenhang eine klare Bedeutung, denn ich war schon immer der Mensch, der Probleme direkt angesprochen hat. Aber mit der Zeit wählte ich meine Worte nur noch gewählt oder sprach gar nichts mehr an, was jedoch auch grundlegend verkehrt für ihn war.

    Ich danke für diesen Beitrag.
    Gruss Monja

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    1. Liebe Monja,
      danke für Deine Zeilen und Beschreibung, ich denke Dein Beitrag wird wieder einigen ein „Aha Erlebnis“ beim Lesen hier sein. Sich zu erkennen und damit die falschen Ansätze oder auch Anteile ist schwer, aber woher sollte man es auch kennen, wen es einem keiner sagt.
      Gerade mit Kindern wird diese Situation nicht leichter. Gruss zurück

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