Gartengespräch mit Dr. med. Dunja Voos über analytische Psychotherapie, Ängste, Wut und Vojta-Therapie

Was hat es mit der Couch auf sich? Was genau kann Psychoanalyse und was nicht?
Wie nützlich ist es, das eigene Seelenleben verstanden zu wissen? Beim Gartengespräch mit der Autorin und Medizinjournalistin Dr. med. Dunja Voos stelle ich fest, wie wenig ich bisher von der Psychoanalytik verstand und genau da lag auch mein Ansatz, da mal nachzufragen. Seit 2006 schreibt sie in ihrem Blog Medizin im Text, über die Psyche – Eine wahre Schatztruhe an Erfahrungen und Einblicken. Klar und verständlich, wie es nur wenigen gelingt.

1. Willkommen hier im Schutzgarten. Gleich zu der brennenden Frage:
Worin unterscheidet sich analytische Psychotherapie von anderen Psychotherapieverfahren?

Dunja Voos: Der Begriff „analytische Psychotherapie“ ist ein Begriff aus der Krankenkassensprache. Das heißt, dass diese Therapie etwa 3-mal pro Woche stattfindet und in der Regel auf 300 Stunden begrenzt ist. Im Gegensatz dazu ist mit „Psychoanalyse“ oft gemeint, dass sich die „Therapie“ freier gestalten lässt – z. B. mit vier bis fünf Terminen pro Wochen über mehrere Jahre, was von den Betroffenen dann meistens selbst gezahlt wird.
Die analytische Psychotherapie unterscheidet sich von anderen Psychotherapieverfahren in ihrer Intensität. Ich kenne kein anderes Verfahren, in dem man sich drei- bis viermal pro Woche sieht und wo eine feste Bezugsperson so intensiv zuhört. Dadurch, dass die Psychoanalytiker in ihrer Ausbildung selbst eine Psychoanalyse absolvieren mussten, können sie dem Patienten auf eine spezielle Art zuhören. Sie können sich „benutzen“ lassen – ähnlich wie sich eine Mutter von ihrem Kind „benutzen“ lässt. Der Patient geht in der analytischen Psychotherapie eine „Übertragungsbeziehung“ ein, das bedeutet, dass er sich wieder so fühlt, wie er sich früher bei Mutter und Vater schon einmal fühlte. Er hält den Therapeuten vielleicht auf einmal für „böse“, für „verfolgend“, „neidisch“, „gleichgültig“, „übergriffig“ oder ähnliches. Auch, wenn der Therapeut sich selbst gar nicht so sieht, so kann er auf dieses „Spiel“ eingehen und mit dem Patienten untersuchen, wie es zu diesen Gefühlen und Gedanken kommt. Ganz allmählich kann der Patient dann verstehen, wie er sich in engen Beziehungen fühlt, warum er sich so fühlt, wie er sich verhält, warum Beziehungen misslingen usw. In dieser Intensität kann das eine Psychotherapie nicht leisten, einfach schon deshalb, weil man sich nicht so oft und so lange sieht. Außerdem haben Psychotherapeuten ohne Psychoanalyse-Ausbildung oft ein anderes Verständnis von Therapie. Ihnen ist es oft wichtig, sich „abzugrenzen“, sich eben nicht „benutzen“ zu lassen, sondern von Beginn an auf einer „realeren“ Ebene zu bleiben.

2. Was hat es mit der Couch auf sich?

Dunja Voos: Die Couch ist ein wunderbarer Stein des Anstoßes. Es kommen schon bei dem Gedanken an die Couch viele Phantasien auf. „Ich will keine Therapie, die nicht auf Augenhöhe stattfindet!“, sagen manche Patienten. Indem der Patient liegt und der Analytiker hinter ihm sitzt, haben wir ein asymmetrisches Setting kreiert. Das findet der Patient vielleicht „ungerecht“, es macht ihn „klein“, es „erbost“ ihn. Schwer traumatisierte Patienten können sich anfangs nicht so leicht auf die Couch legen – zu groß ist die Angst, „überfallen“ zu werden. Und auch diese Angst kann dann später ganz besonders gut im Liegen therapiert werden, weil sie eben da ist und zugänglich ist.
Die Couch weckt auch viele sexuelle Phantasien sowie Phantasien von Schlafen, von Kinderwagen usw. Alle diese Themen kommen dem Patienten beim Liegen auf der Couch in den Sinn. Die Couch erleichtert die „Regression“: Der Patient findet leichter in kindliche, hilflose, ohnmächtige Zustände zurück. Aber er kann sich natürlich auch irgendwann viel besser entspannen als er das im Sitzen könnte. Er kann leichter lernen, loszulassen und im Verlauf der Therapie können viele Patienten die Regression genießen. Was anfangs abgewehrt wurde, wird schließlich zum Genuss und zur Lebensfreude: Sich fallen-lassen-können, sich in gutem Sinne abhängig zu machen, sich vertrauensvoll „auszuliefern“, das kann mit fortgeschrittener Therapie immer mehr Freude machen. Und somit wächst auch die Lebensfreude, denn auch das Leben besteht aus Unsicherheit, aus Ausgeliefertsein, aus Krankheit, Schwachsein und Hilflosigkeit. Wenn man auf der Couch lernt, diese – auch demütige – Position einzunehmen, kann man weicher werden und auch bewusst vertrauensvoller. Aus dieser „Schwäche“, die der Patient zunehmend annehmen kann, entsteht paradoxerweise auch Stärke. Viele Patienten fühlen sich zunehmend dem Leben gewachsen und vielen fällt es auch leichter, beständigere Beziehungen zu knüpfen und zu führen oder auch eine neue Partnerschaft einzugehen.

Aus dieser „Schwäche“, die der Patient zunehmend annehmen kann, entsteht paradoxerweise auch Stärke. Dunja Voos

3. Selbstgespräche und ernstgemeinte „wie geht es Dir“ oder ein „Erzähl mal“, sind wir nicht selbst dauerhaft Analysten des Seelenlebens der anderen und unserer selbst? Worauf sollten wir achten und wann ist es besser, jenes den Profis überlassen?

Dunja Voos: Natürlich wollen wir uns mit anderen austauschen. Wir sind neugierig, ob es anderen ebenso geht wie uns und wir suchen die Verbindung zum anderen. Wir spüren sehr deutlich, wenn in diesem Austausch etwas „krankhaft“ ist – entweder, weil wir selbst auf eine gewisse Weise „gestört“ sind und/oder weil unser Gesprächspartner eine Störung hat. Oft zerbrechen Beziehungen, wenn einer oder beide „krank“ ist/sind. Ein „Profi“ ist immer dann gefragt, wenn das Leiden eine bestimmte Grenze erreicht, die die Betroffenen meistens zuverlässig erkennen. An dieser Grenze heißt es: Ich kann das alleine nicht mehr lösen.

4. Psychoanalyse tut gut, ist die Psychoanalyse für jeden was?

Dunja Voos: Eine schwierige Frage. Wenn Patient A einen Psychoanalytiker B sucht, kann es sein, dass er feststellt: Eine Analyse ist nichts für mich. Wenn dieser Patient aber zu Psychoanalytiker C geht, kann es auf einmal wunderbar funktionieren. Eine Psychoanalyse hängt ganz besonders davon ab, ob Psychoanalytiker und Analysand zueinander passen. Sie hängt auch vom individuellen Weltbild und der Ausbildung des Analytikers ab. Meistens ist eine Psychoanalyse für die Menschen etwas, die stark leiden und da unbedingt einen Weg herausfinden wollen. Die Betroffenen haben oft einen gewissen „Biss“ und geben bei der Suche nach Hilfe nicht so rasch auf, aber auch das ist kein „Muss“. Oft sind jedoch die Menschen für eine Psychoanalyse geeignet, die gut in Bildern denken können, die neugierig auf sich selbst und offen sind. Der Wunsch, zu verstehen und verstanden zu werden sollte größer sein als der verständliche Wunsch, das Leiden einfach „abzutöten“. Von Vorteil ist es auch, wenn der Analysand mindestens eine Vertrauensperson in der Kindheit hatte, also mindestens ein „gutes inneres Objekt“, wie der Psychoanalytiker sagt. Aber wie gesagt: All das muss nicht sein. Es gibt Psychoanalytiker, die sich schizophrenen Patienten widmen, die anfangs „gar nichts“ können und mit denen erst eine lange Zeit des Schweigens und Beisammenseins notwendig ist, die zu weiteren Entwicklungen führt. Manche Menschen haben auch einfach keine „Lust“ zu einer Psychoanalyse. Sie suchen einfache, praktische Lösungen und arrangieren sich mit ihren Symptomen. Manche Patienten würden sich auch für eine Psychoanalyse „eignen“, aber sie finden den Weg nicht dorthin, weil die Angst zu groß ist oder die Depression sie unbeweglich macht. Für viele Patienten, die eine Analyse begonnen haben, haben Zufall und Glück einen großen Beitrag geleistet.

“Ich glaube, dass wir in einer Zeit angelangt sind, in der die Menschen die Psyche viel besser verstehen lernen wollen.“ Dunja Voos

5. Ängste und Wut sind große Themen dieser Zeit, nehmen wir es nur mehr war oder nimmt dies tatsächlich zu?

Dunja Voos: Ich denke, Ängste und Wut sind so alt wie die Menschheit. Die Bibel, die Religionen, die griechischen Sagen berichten von diesen uralten Themen rund um Angst und Wut. Das Unbewusste spielt gerade hierbei eine große Rolle. Ich kann nicht sagen, ob diese Gefühle „zunehmen“, doch heute ist es vielleicht leichter denn je über psychische Probleme zu sprechen. Ich glaube, dass wir in einer Zeit angelangt sind, in der die Menschen die Psyche viel besser verstehen lernen wollen.

6. Inwiefern kann die Psychoanalyse Menschen mit Persönlichkeitsstörungen helfen und wobei nicht?

Dunja Voos: Hier ist es ähnlich wie bei der Frage, für wen eine Psychoanalyse geeignet ist. Es gibt Psychoanalytiker, die sehr gut mit autistischen und zwanghaften Menschen arbeiten können, andere können gar nicht mit Essstörungen arbeiten, wieder andere kennen sich mit Narzissmus sehr gut aus. Das Unwort „Persönlichkeitsstörung“ bedeutet ja eigentlich, dass die Betroffenen Schwierigkeiten in Beziehungen haben. Sie haben große Angst und wollen daher viel Kontrolle ausüben. Sie sind so mit dem Außen beschäftigt, dass sie oft wenig Gespür für eigene Gefühle haben. Manche haben ein viel zu strenges Über-Ich, manche haben ein zu schwaches Über-Ich. Manche können nicht spüren, wenn sie sich und anderen Schmerz zufügen. Solange der Psychoanalytiker und der Analysand eine tragfähige psychotherapeutische Beziehung aufbauen können, kann man der Analyse eine Chance geben, egal, wie die Diagnose lautet.

Dr. med Dunja Voos.

7. In welchem Bereich ist ihr persönlicher Hunger noch nicht gestillt, gibt es Gebiete, wo sie besonders gern eintauchen und gibt es Grenzen?

Dunja Voos: Es ist oft verlockend, da einzutauchen, wo andere ähnliche Probleme haben, wie man selbst. Das ist immer ein schwieriger Grat. Die Patienten erscheinen einem dann vielleicht besonders sympathisch oder man hat das Gefühl, dass man sie besonders gut versteht. Doch dann besteht leicht die Gefahr, dass man den Patienten „sich gleich“ macht. Ich habe noch viele Stellen mit „persönlichem Hunger“. Ein Thema davon ist die Vojta-Therapie bei Babys, von der ich glaube, dass es die Kinder psychisch zerstören kann. Hier tauche ich gerne ein und engagiere mich, doch hier ist auch Selbstdisziplin gefragt, um immer auch einen gesunden Abstand zu dem Thema zu bewahren.

8.Frühentwicklung ist ein sehr spannendes und wichtiges Thema. Was hat es denn mit der Vojta-Therapie bei Babys auf sich?

Dunja Voos: Die ersten Wochen und Monate mit der Mutter sind die prägendste Zeit in einem Menschenleben. Das Kind lernt hier die erste und engste Beziehung kennen. Es macht Körpererfahrungen mit der Mutter und vor allen Dingen wird es von der gesunden Mutter immer wieder beruhigt. Das Baby nimmt die Mutter als „inneres Objekt“ in sich auf und behandelt sich später selbst so, wie die Mutter es einst behandelte. Die Mutter bewirkt durch die Kommunikation mit dem Baby, dass unreife psychische Anteile in reife Anteile transformiert werden.
Wenn hier die Mutter zur Angreiferin wird – und das wird sie, da sie in der Vojta-Therapie das Baby in eine Zwangsposition bringt und nicht auf das Schreien reagiert – dann findet eine schwere Verwirrung im Baby statt.
Das Baby lernt in der Vojta-Therapie: Auf die Mutter ist kein Verlass. Sie kann sich jederzeit in einen gewalttätigen Menschen verwandeln. Wenn ich schreie, hat das keinen Zweck – sie übt die Gewalt weiter aus und reagiert nicht auf mich. Wenn die Mutter dann nach der Therapie noch das Baby tröstet, dann ist die Verwirrung komplett.
Später sagen Betroffene oft Sätze wie: „Wenn ich große Angst habe und mich will jemand beruhigen, dann wird meine Angst noch schlimmer!“ Viele, die als Baby/Kind die Vojta-Therapie erhielten, fühlen sich ganz schnell eingeengt und es gelingt ihnen nicht, eine enge, konstante Beziehung zu einem anderen Menschen aufzubauen. Die Beziehung zur Mutter ist zwar oft eng, aber meistens durch schwere Schuld- und Schamgefühle auf beiden Seiten geprägt.
Die Säuglingsforschung weiß heute: Wenn die Mutter auf die Not des Säuglings nicht adäquat reagiert, dann ist das ein traumatisches Erlebnis für den Säugling. Bei der Vojta-Therapie wird die Mutter angeleitet, das Schreien des Babys zu ignorieren bzw. es als „gewollte physiologsiche Reaktion“ anzusehen. Somit wird sie angeleitet, ihren natürlichen Impuls zu einer angemessenen Reaktion (das wäre das Aufhören der Behandlung) zu unterdrücken. Nichts ist für ein Baby grausamer als eine solch extrem fehlgeleitete Kommunikation mit der Mutter. Das Baby hat Todesangst und spätere psychische Störung haben oft diese Angst zum Inhalt: „Ich habe das Gefühl, ich muss sterben“, sagen die Betroffenen. Häufig sind auch sexuelle Gefühle auf beiden Seiten da – die Grenze zum sexuellen Missbrauch ist ganz nah. Einige Betroffene berichten später von der Angst, pervers geworden zu sein oder von Schwierigkeiten, sich als Frau anzuerkennen. Die Brust der Mutter kommt dem Baby/Kind in der Vojta-Therapie auf eine merkwürdige Art ganz nah. Die frühe Mutter-Kind-Beziehung dient als Grundschablone für alle weiteren Beziehungen und Körpererfahrungen. Ist diese gestört, können schwerste psychische Störungen entstehen.

9. Hier im Schutzgarten sind Manipulation, toxische Bindungen der Umgang damit sowie die Verdauung dessen, ein großes Thema. Was für eine Botschaft haben Sie an die Schutzgartenleser?

Dunja Voos: Ich weiß, dass die Begriffe „Manipulation“ und „toxische Bindung“ gerade sehr häufig in Ratgebern anzutreffen sind. Einerseits ist es gut, ein Bewusstsein für diese Themen zu schaffen. Andererseits nehmen sie einen jedoch auch gefangen. Oft kann etwas als „Manipulation“ interpretiert werden, aber man kann es auch ganz anders verstehen. Wenn man die wirkliche Not sieht, die hinter dem vordergründigen Verhalten steckt, geht es einem oft besser. Am wichtigsten finde ich es, aufmerksam und neugierig zu bleiben. Wie geht es mir? Wo bin ich selbst vielleicht „manipulativ“? Was heißt denn „toxische Beziehung“ überhaupt? Was ist da zu finden, wenn man diese Begriffe einmal beiseitelegt? Ich würde sagen, es ist wichtig, Schubladendenken beiseite zu legen und sich immer wieder zu fragen: Was ist da? Dabei ist es wichtig, auch Unsicherheiten eine Weile auszuhalten und zu schauen, was bei Abwarten passiert. Der Kontakt zu möglichst vielen verschiedenen Menschen ist dabei besonders wichtig. Ein Merkmal von schizophrenen Patienten ist z.B. häufig, dass sie kaum die Möglichkeit hatten, außerhalb ihres Familiensystems Kontakte zu knüpfen. Beziehungen können „krank machen“, aber auch „gesund machen“. Das eigene Gefühl ist der wichtigste Kompass auf der Reise durch die Beziehungen – auch in der Beziehung zu sich selbst.
Herzliche Grüße!
Dunja Voos

Ich danke für diese Denkanstöße und Einsichten.

Mehr von und über Dr.med. Dunja Voos findet auf ihrem Blog – Medizin im Text
Falls Euch das Thema Psychoanalyse für Euch selbst interessiert, in ihrem Buch
Psychoanalyse tut gut – ein Ratgeber für Hilfesuchende , gibt Frau Voss tiefere Einblicke.

Das Interview führte
Manja Kendler
Spirit/Coach und Schutzgärtnerin

Oktober 2019

Sie sind das erste Mal hier auf meiner Seite? Bitte nehmen Sie sich die Zeit, meinen kurzen Beitrag „Warum Schutzgärtnern? zu lesen.

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