Ich bin da tolerant! – Über Toleranz und Ablehnung

Letztens hatte ich eine Unterhaltung, welche am Ende, zur gemeinsamen Idee, dieses Beitrags führte. Mit Zustimmung möchte ich jenes, mit Euch Revue geschehen lassen.

Es ging um die Option, sich selbst zu heiraten.

„Das könnte ich mir auch vorstellen, so als Möglichkeit!“
„Nicht Dein Ernst!?“

„Doch, klar das ist doch ein wundervoller Entschluss und Ritual.“

„Na um Gottes Willen, was soll das denn bringen!“

„Zum einen halte ich es für die Krönung der Selbstliebe, ein tiefes Ja zu sich selbst und dann, ist das so eine Art Abschließen auf der Suche oder Irrfahrt! Dann hätte ich einen ‚verheiratet Status‘ und einen Ring am Finger und kenne alle faulen Kompromisse schon.“

„Na sag mal, ist das nicht … also, hm … ich würde schon sagen ein bisschen sehr narzisstisch?“

„Hm, na ja im gesunden Rahmen volle Bude. Ich denke die Menschen, die so was machen, haben sich das schwer erkämpft, bestimmte Sachen erlebt, weißt Du?“

„Ich weiß nicht ich empfinde das etwas lächerlich, ich mein, wer kommt denn auf so eine Idee, aber sollen sie mache, was sie wollen… ich bin da tolerant!“

„… Wo bist Du gerade tolerant? Das triggert mich gerade, da stolpere ich derzeit permanent drüber, nicht nur bei Dir, bei vielen Menschen. Dieses ‚ich bin da tolerant‘, ohne tolerant zu sein. Warum heißt es in der Medizin: Resistenz, gegen etwas zu entwickeln aber im Zwischenmenschlichen wird es zur Plakette der Werte? Warum halten sich Menschen, für tolerant und lehnen ab, oder ignorieren?“

„Mach ich doch nicht?!“

„Na ja du belächelst sie, das ist eine Art Ablehnung, sie sind Dir egal, denn ‚sollen sie doch machen, was sie wollen‘ ist eine Form der Ignoranz.

Ich denke, viele der Menschen, die den Entschluss fassen, sich selbst zu heiraten haben mit Ablehnung und Ignoranz ausreichend Erfahrung gesammelt. Haben schmerzhaft gelernt sich selbst liebevoll zu behandeln, sich selbst Bedürfnisse zu erfüllen, und für jene steht diese Entscheidung symbolisch, für eine Transformation und inneren Frieden, sich selbst genug zu sein, es wert zu sein. Vielleicht haben sie schwere Krankheiten, schlimme Ehen oder andere Schicksale erlebt, sich selbst zu heiraten macht man für sich und sonst niemand und wenn es ein Mensch mit narzisstischer Störung wäre, dann wäre dies ein Therapieerfolg.

Und selbst in diesem Schritt werden sie dann von Menschen belächelt, als narzisstisch bewertet und am Ende ignoriert, denn sie haben keine Lobby, sie sind eine Minderheit. Aber ja man ist ja tolerant und sollen sie doch machen!“

„So habe ich es noch nicht gesehen …“

Das Gespräch ging noch lange und wir beschlossen, die Gedanken interessieren vielleicht mehr Menschen.

Toleranz vs. Ablehnung und Ignoranz

Da existieren kaum Unterschiede. Toleranz bezieht sich auf Minderheiten und ein Abweichen der eigenen Werte. Demzufolge geht der Toleranz vorerst eine Ablehnung und gewisse Ignoranz voraus. Es erscheint mittlerweile on Vogue zu sein, Toleranz sich auf die Fahnen zu schreiben, um sich von Ignoranz und Ablehnung zu trennen. Sich Abgrenzen gegenüber der fehlenden Toleranz, verharmlost den Begriff der Toleranz.
Goethe sagte in etwa:

Toleranz ist zeitbegrenzt, ihr müsse die Anerkennung/Integration folgen.

Und da kommen wir zur nächsten Hürde der Definition.

Der Unterschied zwischen Toleranz und tolerant sein

Was Toleranz ausmacht, darüber streiten sich die Gelehrten und Philosophen, bis heute. Ursprünglich gab es einst ein Toleranzedikt der Kirchen für religiöse Minderheiten, die in den Städten geduldet wurden.

Heute steht Toleranz für mehr als religiöse Unterschiede und Herkunft.
Für wen oder was Toleranz gefordert wird, ist also auch eine Frage von wem? Und mit welcher Intention und Motiven es einhergeht. Gegen etwas oder dafür?
Hinter der Forderung nach Toleranz, steht demzufolge eine gespürte und erlebte Ablehnung für eine Menschengruppe. Ablehnung und Ignoranz ist der Gewalt zuzuordnen. Die Ablehnung selbst wird in unserem Schmerzzentrum verarbeitet, wenn sie das wird.

Dabei ist die Arbeit von Trauma-Therapeuten essenziell, denn die Schulmedizin will stets Befunde. Bleiben diese unsichtbar, durch psychische Wunden, gelangt die Menschheit doch automatisch in weitere Ablehnungskreisläufe, oder?

Wenn jemand meint, er wäre tolerant, hat er sich über die Grenzen der Toleranz und Intoleranz sowie Arroganz hinweggehoben, aus meiner Sicht. Da bin ich ganz bei Goethe.

tolerare – aus dem lateinischen erdulden, ertragen
Toleranz – Duldsamkeit
tolerant – großzügig gegenüber Andersdenkenden; andere Meinungen, Verhaltensweisen gelten lassend

Das Toleranzparadox

Ich erwähnte bereits die Intoleranz. Hier halte ich mich vorerst an die Erkenntnisse und Definition des Philosophen Karl Popper, die ich Euch zitieren möchte.

Intolerant bedeutet:
1. Verweigerung eines rationalen Diskurses
2. Aufruf und Anwendung von Gewalt gegen Andersdenkende und Anhänger anderer Ideologien.

Er unterscheidet bei intoleranten Menschen in
Intoleranz des ersten Grades: intolerant gegenüber den Sitten und Gebräuchen eines Menschen, weil sie fremd sind und

Intoleranz des zweiten Grades: intolerant gegenüber den Sitten und Gebräuchen eines Menschen, weil diese intolerant und gefährlich sind.

Darüber hinaus kommt Popper in seinem Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Band 1“ (von 1945) zu dem Schluss, dass diese kaum zu unterscheiden wären von außen und universelle Toleranz die Toleranz schwinden lässt.

Ideologisch eine schön anmutende Vorstellung, realistisch wäre dies derzeit auf diesem Planeten ein Nährboden für unreflektierte Gewalt.

Wir brauchen ein Bewusstsein, für Toleranz und eines alleine reicht dafür nicht aus. So kamen wir (während des Telefonats) zu der Erkenntnis, wie wichtig, der Austausch darüber ist, was ein jeder unter Begriffen wie Toleranz versteht, um sinnstiftend tolerant und intolerant werden zu können.
Wo glaubst Du, tolerant zu sein, und versteckst Du Ablehnung und Ignoranz?
Auch gegenüber narzisstischem Verhalten kann man sich eine gewisse Toleranz aneignen, ohne wäre Beziehung mit narzisstischen Menschen kaum denkbar. Das führt manch einen zur täuschenden Resilienz und Ignoranz, während sich die physische Wunde tiefer gräbt und man sich eventuell selbst ablehnt.

Die Schutzgärtnerin
Manja Kendler
Spirit/Coach/Berater
Februar 2020

Eine Übersicht meiner Beratungsmöglichkeiten und Coaching Angebote
findest Du unter: manjakendler.de

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