Goodbye Narzisstische Persönlichkeitsstörung!? Ein Blick in die Zukunft und das ICD-11

Gerade sind wir noch dabei die Gesellschaft darüber aufzuklären, wer oder was ein Narzisst ist und schon macht uns das ICD-11 einen Strich durch die Rechnung. Es ist ein Sauberer, der mir sinnvoll erscheint, gerade weil es noch zu viele Interpretationen und Unverständnis existiert. Narzisstischer Missbrauch bleibt genau das, was es ist. Was wir uns zukünftig wohl sparen können, ist all die Ursachen dafür hinter dem Narzissten oder der Narzisstin zu verstecken. Und auch hier weise ich darauf hin, dass narzisstischer Missbrauch nicht zwangsweise mit einer Persönlichkeitsstörung einhergeht.

Narzisst, Borderliner, Histrioniker, Cluster B … all das sind starke Labels und stets auch Stigmatisierungen. Mensch ist vielschichtig und in über der Hälfte der NPS (Narzisstische Persönlichkeitsstörung) Fälle, liegt eine Komorbidität vor, bedeutet: mehr als eine Störung. Um Diagnosen zu stellen, gibt es verschieden Tests und Gespräche, dafür versucht man dann eine komplexe Persönlichkeitsstruktur in eine Schablone zu passen, ist die gewünschte Übereinstimmung vorhanden, kommt der große Stempel.
Hinzu kommen dann die Labels therapierbar, austherapiert und verschiedene weitere Schubladen. Nun ist Narzisst nicht gleich Narzisst und Borderliner nicht Borderliner, es braucht einen tieferen Blick in die Struktur der Persönlichkeit.

Es existiert zwischen der Borderline Diagnose und einer schweren komplexen posttraumatischen Belastungsstörung mögliche 80 % Übereinstimmung. Doch eben noch viele Unterschiede in Behandlung und Konsequenz der Betroffenen. Deshalb findet die komplexe posttraumatische Belastung endlich Einzug ins ICD-11 und Borderline wird zu einem Muster.

Und ja, manche sind froh, der Sache einen Namen zu geben, doch ich denke, dass die Betrachtung auf das breite Feld des Persönlichkeitskerns bei Störung dessen, ein besseres Verständnis aufbringt und somit auch die Verbesserung durch Therapie berücksichtigt werden kann.

Was soll sich genau ändern?

Die Klassifizierung der Persönlichkeitsstörungen des ICD 10 wird obsolet. Das ICD (Internationale Klassifikation der Krankheiten) ist im Grunde eine Codierung für Krankenkassen und Versicherungen, um durch Codes mit Ärzten abzurechnen, die ihre Erkenntnisse in das vorliegende System einordnen müssen und auch um gewisse Trends zu erkennen. F 60.8 ist derzeit das Kürzel für die „Narzisstische Persönlichkeitsstörung“, sagt jedoch über deren Ausmaß erst mal nichts aus. Da fällt derzeit grandioser und verdeckter Narzissmus zusammen. Die Dimension der Störung und der Persönlichkeit, wird mit dem neuen System erweitert betrachtet. Heißt, viele weitere Faktoren werden gemessen und im Diagnosefeld beachtet und dimensional dargestellt. Am Ende steht eine differenziertere Diagnose durch ein Drei-Stufen System und eine Einordnung in neue Kategorien und Schweregrade.

So schaut man dann auf folgende Bereiche in der Diagnose einer Persönlichkeitsstörung:

Negative Affektivität
Pessimismus, negative Grundhaltung, mangelnde Emotionsregulation sowie Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen, starke Ängste

Bindungsschwäche
fehlende soziale Kontakte und Bindungen, Distanziertheit, Schwierigkeiten Gefühle zum Ausdruck zu bringen

Dissozialität
Missachtung der Rechte und Gefühle von Mitmenschen, Empathiemangel, Aggressivität. Hier wäre die bisher als narzisstische Persönlichkeitsstörung bekannte Persönlichkeitsstruktur auf jeden Fall einzuordnen.

Hemmungsschwäche

voreilige Reaktion auf innerliche und äußerliche Vorgänge, Impulsivität, Ablenkbarkeit, Unzuverlässigkeit

Zwanghaftigkeit
Einengung auf starre, perfektionistische Standards, Kontrolle des eigenen Verhaltens, Kontrolle der Mitmenschen, Detailversessenheit

Dann heißt es zum Beispiel, wenn ich das richtig verstehe, milde, moderate oder schwere Persönlichkeitsstörung oder Persönlichkeitsstruktur mit auffälligen dissozialen Merkmalen. Für Menschen mit narzisstischen Störungen werden damit auch eine gewisse Therapieresistenz und Ablehnungen eventuell abgeschwächt.

Was früher die Borderline Persönlichkeitsstörung war, wird definiert in ein Borderline-Muster, in dem die Instabilität von zwischenmenschlichen Beziehungen, extreme Impulsivität, unüberlegte Handlungen, Selbstverletzung, Zustände der Dissoziation beurteilt wird.

Dass, damit gerade in der Narzissmus-Aufklärung, frischer Wind weht und ein gewisses Umdenken eingeleitet wird, mag für manche ein harter Brocken sein, doch ich hoffe, und denke, die Vorteile werden überwiegen. Die neue ICD-11 der WHO wurde Mai 2019 beschlossen und tritt ab 1. Januar 2022 in Kraft.

Die Schutzgärtnerin
Manja Kendler
Mai 2020

4 Kommentare zu „Goodbye Narzisstische Persönlichkeitsstörung!? Ein Blick in die Zukunft und das ICD-11

  1. Das Hauptargument die Diagnose Narzissmus abzuschaffen, war ja nun die „Stigmatisierung“, die hiermit einhergeht. Seltsamerweise hat man aber den Begriff Borderline beibehalten…. als ob Borderliner nicht unter einer Stigmatisierung leiden würden.
    Hilft es, einen Begriff abzuschaffen, weil er stigmatisiert? Eindeutig: Ja!
    Aber das trifft auf die meisten psychischen Störungen zu, das sie stigmatisieren. Autismus stigmatisiert mindestens genauso, wird aber nicht abgeschafft.
    Für mich ist das heuchlerisch.

    Was die Fehldiagnosen betrifft, habe ich festgestellt, das 90% aller Psychologen und Psychiater nur nebulös wissen, was Narzissmus eigentlich ist. Eine mangelnde Ausbildung ist aber auch kein Grund, ein im Grunde recht klares Störungsbild einfach abzuschaffen.

    Vielleicht hat man mal einen in der Praxis gehabt und der hat sich als renitent und therapieresistent erwiesen. Hat man keine Lust drauf und wendet sich lieber anderen Klienten zu. Auch hier hilft die Abschaffung.

    Anstatt zu diversifizieren, wird bis ins Unkenntliche verallgemeinert. Ich glaube, hier hat man sich einen Bärendienst erwiesen. Vielleicht ist ja aber auch ein Grund für die Abschaffung, das es sehr viele selber narzisstische Therapeuten und Psychiater gibt. Ein Schelm, der böses dabei denkt.

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für Deine Sichtweise. Borderlinemuster ist nicht mehr der ewige Stempel und gleichzeitig nimmt die komplexe PTBS einen Platz ein, das ist einerseits ein Fortschritt, andererseits … da gebe ich Dir teilweise Recht ist das noch nicht ausreichend. Theoretisch kann jetzt gesehen werden wie hoch bei einem Mensch mit dem Muster die narzisstischen Anteile sind und so besser auf die Menschen eingegangen werden.
      Praktisch … we will see.

      Warum der Eindruck entsteht, dass Störungsbilder verwischt werden, ist für mich nachvollziehbar, doch die eher starren Richtlinien ließen auch eine narzisstische Störung im Krisenmodus fehl erkennen, weil gewisse Dinge ausgeschlossen wurden. (Beispiel es müsse schon so und so viele Jahre so sein und Ursache in der Kindheit haben. Jetzt bezieht man sich auf die letzten zwei Jahre.)

      Wo ich Dir vollkommen zustimme ist das Fachwissen. Weil es im Studium nur kurz abgehandelt wird und man sich schon selbstständig näher damit befassen müsste. Narzisstische Menschen haben in diesem Bereich einen hohen Anteil an der Aufklärung, doch dadurch erklären sich auch die 100 Theorien dazu.

      Ich erkenne den Willen auch da Wege zu finden, nicht alle glücklich doch immerhin. In meinem Videovortrag „Überall Narzissten innen ?“ gehe ich darauf ein. Wenn Du Zeit und Muse hast?
      Herzliche Grüße

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      1. Ich habe dein Video gesehen und gebe dir vollkommen recht, sehr gut analysiert!

        Zum Begriff des Narzissmus wird ja oft angeführt, das es ja auch einen gesunden Narzissmus gäbe. Für mich ist das auch so eine Nebelbombe, die das pathologische der narzisstischen Störung verwischt.
        Ein sogenannter „gesunder“ Narzissmus ist für mich begrifflich ein gesundes Selbstwertgefühl und Selbstbewußtsein, welches bei Narzissten nach meiner Definition nicht vorhanden ist.

        Wenn wir eine Einteilung vornehmen: Bis hierhin gesund und ab hier gestört, werden Menschen, die eine leichte narzisstische Störung haben, mal einfach als gesund eingestuft. Aber es bleibt eine Störung.

        Das ein 8 Punkte Ankreuztest einer so komplexen Störung nicht gerecht wird, da sind wir uns sicher einig, hier hatte der ICD10 ein großes Manko. Ich sehe aber nicht, dass das im ICD11 besser definiert worden ist.

        Ist eine „narzisstische Störung im Krisenmodus“ denn überhaupt eine narzisstische Störung oder eine Überkompensation? Ich selber hatte nach einer traumatischen Kindheit und Jugend mit 18-24 wohl so etwas, ich war in dieser Zeit sehr ekelig. Bis diese Phase wieder verschwand, wie sie gekommen war.
        Ich bin hier schon der Meinung, dass der Grund für eine echte narzisstische Störung (fast) immer in der Kindheit liegt.

        Lieben Gruß

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