Gartengespräch mit einer Verfahrensbeiständin über Rechte, Eltern, Kinder, Kommunikation, Gutachten, Narzissmus-Wissen, andere Perspektiven und ihre Arbeit

Es ist mir ein Anliegen, verschiedenen Sichtweisen in den Interviews aufzuzeigen, ich bitte Dich als Leser bei Dir zu bleiben und möglichst als Betrachter die Inhalte zu verarbeiten. Manch einer ist so sehr in der eigenen Situation verstrickt, – dass er oder sie dazu neigt, die anderen Perspektiven als Angriff zu verstehen. Mir fällt auf, dass gerade da, wo Unwissen herrscht, manchmal die absoluten Überzeugungen lauern. Zum Beispiel wenn wir glauben, ganz genau zu wissen, was der andere macht und denkt.

Atme! Ich bin froh über offene Einblicke und die vielen wertvollen Tipps und Ansichten, die sich im Gartengespräch mit Antje Fahmy-Kretzschmar finden lassen, sowie die Deutlichkeit einer Notwendigkeit der nötigen Weiterbildungen über Auswirkungen toxischer Beziehungsdynamiken sowie internen Dynamiken bei den Gerichten und Jugendämtern.

1. Vielen Dank für Ihre Zeit und Bereitschaft, den Lesern und mir Antwort zu stehen. Was genau ist die Aufgabe des Verfahrensbeistandes beim Familiengericht?

Antje Fahmy-Kretzschmar: Ich freue mich sehr, diese sehr wertvolle Seite zu unterstützen. Als Verfahrensbeistand ist meine grundsätzliche Aufgabe den Willen, welcher mit dem Kindeswohl vereinbar sein muss, des Kindes festzustellen. Gegebenenfalls ist der Idealfall, dass ich eine vorgerichtliche Einigung bei den strittigen Eltern erziele.

In einem Gerichtsverfahren werden die Seiten der Eltern vertreten, jedoch ist nicht sicherzustellen, dass die Eltern auch im Sinne des Kindes handeln mit all ihren Anträgen. Jede vergangene Emotion hat Auswirkung auf die Zukunft zwischen den Eltern auf Elternebene. Diese zu wahren fällt Eltern oft schwer, da sie die Kinder nicht in einer neutralen Position sehen. Sie bewerten mit der einen Verletzung, der einen Wut, der eigenen Liebe, jeder eigenen Emotion die Position des Kindes. Jedoch sind Beziehungen zwischen den Kindern und den Eltern völlig Andere, als die Beziehung zwischen den Eltern.


2. Wem und wann steht ein Verfahrensbeistand zu?

Antje Fahmy-Kretzschmar: Jedem Kind in einer Streitigkeit, welche um ihre persönlichen Rechte geht, steht ein Verfahrensbeistand zu. Dazu gehören Umgang, Aufenthaltsbestimmungsrecht, Sorgerecht und auch Inobhutnahmen, Entzug des Sorgerechts etc.

3. Wie präsent ist, gefühlt das Narzissmus-Thema in Ihrer Branche?

Antje Fahmy-Kretzschmar: Grundsätzlich gilt erst mal, eine psychische Störung darf kein Hindernis sein zwischen Elternteil und Kind. Nun gilt es aber mehrere Faktoren abzuwägen. Zum einen ist der Vorwurf einer psychischen Störung oft ein schnelles Mittel vor Gericht, jedoch ist eine nicht diagnostizierte Störung mit Vorsicht zu behandeln. Grundsätzlich empfiehlt das Gericht bei einem begründeten Verdacht ein familienpsychologisches Gutachten. Dieses Gutachten stellt unter anderem auch fest, ob der Elternteil sich in der Lage befindet, z. B. Umgang wahrzunehmen und wenn ja, in welchem Umfang, in welchem Rahmen da Sorgerecht oder Teile des Sorgerechts zu entziehen oder gar einen Vormund zu stellen sind.

4. Wie präsent ist das Thema narzisstischer Missbrauch?

Antje Fahmy-Kretzschmar: Es gibt wiederholt Fälle, in denen Kinder darunter leiden durch einen narzisstisch veranlagten Elternteil oder narzisstischem Persönlichkeitsstil. Dabei zeigen sich oft zwei Richtungen. In der ersten Richtung ist es so, dass sich das Kind vom vermeintlich schwächeren Elternteil abwendet und die Nähe des narzisstischen Elternteils sucht. Wenn sich solche Kinder in einem psychologischen Prozess befinden, kann es gar soweit führen, dass die Störung des betreuenden Elternteils akzeptiert wird, das Kind bei diesem Elternteil verbleibt, da dieses Kind letztendlich in der Manipulation der Beeinflussung und Ablehnung des Elternteils verankert ist, somit nicht dem Kindeswohl entspricht, das Kind an den umgangsberechtigten Elternteil zu übergeben. Dies sind Einzelfälle, jedoch sollte man sich bewusst sein, dass es auf dem Weg: „Kampf ums Kind“ letztendlich um die Position des Kindes geht.

Die andere Seite, weit häufiger ist, dass das Kind gemeinsam mit dem „Opfer“ des Narzissmus leidet und es einen vorsichtigen Umgang zwischen dem narzisstischen Elternteil geben muss. Es ist und bleibt das Recht des Kindes, Umgang mit beiden Elternteilen zu haben, solange das Kindeswohl dabei nicht gefährdet ist. Im Zweifel greift auch da wieder ein familienpsychologisches Gutachten.

5. Gibt es Schulungen innerhalb des Familienrechtssystems über emotionale Instabilität, toxische Beziehungsdynamiken und Praktiken wie D.A.R.V.O. oder Auswirkungen wie PAS

Antje Fahmy-Kretzschmar: Aktuell ist dem nicht der Fall, es sind jedoch gravierende Änderungen für das Jahr 2021 für den Verfahrensbeistand vorgesehen. Somit werden auch gewisse Bildungswege zur Voraussetzung, um als Verfahrensbeistand tätig zu sein. Ebenso wird es, so mir bekannt, eine Pflicht zur Zertifizierung geben. Ich selbst bin zertifiziert und habe gerade in den sensiblen Bereichen eine intensive Schulung erhalten.

6. Welche Möglichkeiten habe ich, wenn nach längerem Kontaktabbruch sich Mutter/Vater melden und Kontakt zum Kind suchen und ich Bedenken habe?

Antje Fahmy-Kretzschmar: Der erste Weg sollte über das Jugendamt gehen, oft ist es deeskalierend, wenn eine neutrale dritte Person gemeinsam mit den Eltern eine Lösung erarbeitet. Dies muss nicht zwanghaft in einem gemeinsamen Termin stattfinden. Ist jedoch der Gang zum Jugendamt unzureichend, bleibt letztendlich nur der Weg über das Gericht. Das Jugendamt hat ausschließlich eine beratende Funktion, die Absprachen, die dort getroffen werden, sind jedoch nicht verbindlich und gleichzusetzen mit einem Beschluss vom Gericht.


7. Zu welcher Kommunikation bin ich als Elternteil verpflichtet, angenommen, ich möchte keinen Kontakt, um meiner Gesundheit nicht zu schaden?

Antje Fahmy-Kretzschmar: Eine telefonische Kommunikation, WhatsApp oder E-Mail-Kommunikation ist keine Verpflichtung, es genügt, via Briefpost erreichbar zu sein. Ebenso ist es möglich, via Briefpost verpflichtende Informationen an den anderen Elternteil weiterzuleiten, so z. B. Schulzeugnisse.

8. Was hat es mit der Belehrung über gewaltfreie Erziehung auf sich?

Antje Fahmy-Kretzschmar: Eine Belehrung der Gewaltfreien Erziehung erfolgt im Jugendamt, wenn ein Grund zur Annahme besteht, dass Gewalt im Haushalt mit den Kindern besteht.

Eltern werden dann eingehend belehrt, was gewaltfreie Erziehung auf sich hat, was unter Gewalt zählt und in schwereren Fällen auch, welche Konsequenzen es mit sich bringt, dies zu ignorieren.

Verankert ist das ganze seit 2001 im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB).

§ 1631 Inhalt und Grenzen der Personensorge

(1) Die Personensorge umfasst insbesondere die Pflicht und das Recht, das Kind zu pflegen, zu erziehen, zu beaufsichtigen und seinen Aufenthalt zu bestimmen.

(2) Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.

(3) Das Familiengericht hat die Eltern auf Antrag bei der Ausübung der Personensorge in geeigneten Fällen zu unterstützen.

9. Wenn emotionale oder andere Gewalt in Beziehungen stattfindet, ist es nicht automatisch eine Beweislast für Gewalt am Kind. Das ist für viele schwer zu verstehen, besonders wenn dann eine Mediation angeordnet wird oder Wechselmodell. Ist das sinnstiftend und was rechtfertigt ein eventuelles Fortsetzen oder Abbrechen von Missbrauchskreisläufen? 

Antje Fahmy-Kretzschmar: Ein Missbrauch muss als Erstes bewiesen sein. Ein leidlicher Vorwurf ist dazu nicht ausreichend. Dies passiert in Trennung oft auch unbegründet.

Eine Mediation kann fehlschlagen, abgelehnt oder auch abgebrochen werden. Dies darf nicht zum Nachteil folgender Verhandlungen sein.

Das Wechselmodell empfiehlt sich bei hochstrittigen und strittigen Familien nicht. Da dieser Konflikt in der Aufteilung der Alltagssorge ein Hemmnis darstellt. Dies wäre zum Nachteil der Kinder. Natürlich gibt es hier wir auch in allen anderen Belangen Einzelfallentscheidungen. Grundsätzlich sind alle Familien-Verfahren vor Gericht Einzelfallentscheidungen. Die Grundlagen, die ein Wechselmodell billigen, sind lediglich eine Art Schablone, mit welcher eine grobe Richtung angesteuert werden kann.

10. Wie sinnstiftend und einflussreich sind psychologische Gutachten vor Gericht?

Antje Fahmy-Kretzschmar: Ein psychologisches Gutachten ist dann sinnvoll, wenn Vorwürfe im Raum stehen, die vom Gericht allein sowie dem Verfahrensbeistand nicht ergründet werden können und somit keine Entscheidung im eigentlichen Sinne getroffen werden kann. Es empfiehlt sich, ein Gutachten einzuholen, sofern die Vorwürfe das Kind betreffen und Einfluss auf das Kind den Verlauf der Elternebene hätten. In der Regel sind psychologische Gutachten sehr intensiv und tief greifend. Sie befassen sich, sofern gefordert durchs Gericht mit der vollständigen Familiensituation.

11. Es gibt dokumentierte Fälle, die im richterlichen Ergebnis unglücklich ausgehen. Und dann? Ich beziehe mich auf Fälle wie die Autorin Carola Fuchs beschreibt, und auch aktuellCommunity Petition Platform (sumofus.org) von dem der MDR berichtete (Achtung Trigger!).

Antje Fahmy-Kretzschmar: Mir persönlich ist keiner dieser Fälle bekannt, jedoch kenne ich aus einer Schulung einen solchen Fall von einer Dozentin. In einer anderen Frage habe ich bereits angesprochen, dass im Kindeswohl gehandelt werden muss, was manchmal auch bedeutet, dass das Kind bei dem Elternteil unangetastet verbleibt, welches nachweislich die Beziehung zwischen Kind und dem umgangsberechtigten Elternteil gestört hat. Für ein Kind, welches so massiv beeinflusst ist, wäre es ebenso ein Höllenritt, den vermeintlich schlechten Elternteil nun als Hauptbezugsperson akzeptieren zu müssen. Es klingt aus Elternsicht ungerecht, jedoch gilt es, dem Kind nicht noch weitere Störungen zuzumuten. Wenn eine Bezugsperson grundsätzlich von einem Kind so vehement abgelehnt wird, sogar mit (künstlich erzeugter) Angst dem anderen Elternteil entgegentritt, ist diese Angst, diese Panik, dieses Gefühl für das Kind absolut real! Das muss wahrgenommen und auch ernstgenommen werden.

Schutzgärtnerische Anmerkung Im Idealfall holen sich Betroffene Unterstützung durch Dritte in Form von Organisationen wie den Kinderschutzbund und Vereinen, die sich der Thematik angenommen haben. In manchen Fällen hilft der Druck von Außen durch die Presse, doch ist es auch ein sehr heißes Eisen, was selten aufgegriffen wird und ehe Ihr Euch an die Presse wendet, lege ich Euch ans Herz, die Anlaufstellen für Betroffene zu nutzen, die Euch da auch schützen können und bereits Erfahrungen gesammelt haben. Da mir praktische persönliche Erfahrungswerte hierzu fehlen, wünsche ich mir, wenn jemand vertrauenswürdige Vereine und Anlaufstellen dazu kennt, möge er oder sie, bitte die Kommentarfunktion nutzen.

12. Ich stelle mir die Arbeit als Verfahrensbeistand interessant, jedoch auch emotional belastend vor. Woher nehmen Sie die Kraft, was gibt Ihnen einen Ausgleich und was treibt Sie an?

Antje Fahmy-Kretzschmar: Die Arbeit als Verfahrensbeistand ist belastend. Die eigene Resilienz ist grundlegend von Bedeutung. Jedoch ist mein Ausgleich in meinem ganzen Leben begründet. Ich lebe am Meer, ich genieße den Wind, den Regen und die Sonne gleichermaßen. Ich habe als Verfahrensbeistand ebenso die Möglichkeit, einem Fall, dem ich mich nicht gewachsen sehe, abzulehnen. Ich denke, es ist grundsätzlich wichtig, nichts persönlich zu nehmen, sich abzugrenzen und sich seine eigenen Kompetenzen bewusst zu machen.


13. Was sind Ihre Wünsche für die Zukunft im Hinblick auf Elternrechte und Pflichten und Familiengerichte?

Antje Fahmy-Kretzschmar: Mein grundsätzlicher Wunsch ist, dass Verfahrensbeistände nicht nur rechtlich gut ausgebildet sein sollten. Es ist ein sehr sensibler Bereich, und es geht dabei um die schwächsten unter uns. Dies sollte man meisten Beachtung gefunden werden.

14. Haben Sie abschließende Worte für die Leser des Schutzgartens?

Antje Fahmy-Kretzschmar: Was erwartet mein Kind, wenn es mich plötzlich nicht mehr gibt? Tu ich das Beste für mein Kind, wenn ich den anderen Elternteil aus dem Leben meines Kindes raushalte? Denn das Kind wird spätestens dann ungebremst auf den anderen Elternteil treffen.

Jeder Elternteil sollte sich bewusst machen, dass die eigene Situation mit dem Ex Partner nicht die gleiche Situation für das Kind ist. Ein glückliches Kind sollte in der Regel beide Elternteile haben dürfen. Beide Elternteile sind wertvoll und unsere Kinder wachsen daran, auch wenn ein Elternteil „etwas schwierig“ ist. Auch unsere Kinder befinden sich vom ersten Tag ihres Lebens in der Schule des Lebens.

Vertraut Euren Kindern, seht ihre Bedürfnisse, akzeptiert diese und fördert sie, auch wenn sie nicht deckungsgleich mit euren Vorstellungen sind.

Mit freundlichen Grüßen
Ihre Antje Fahmy-Kretzschmar
Verfahrensbeiständin aus 19217 Rehna

Liste der Verfahrensbeistände aus Deutschland Kind im Mittelpunkt

Fragestellerin und Blogorganisatorin:
Spirit Coach und Beraterin
Manja Kendler
Der Schutzgarten
März 2021

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