Der Schmerz in Dir und um Dich herum

Schmerz hat Ursache und Bestimmung.
Da wo Schmerz ist, reiben wir uns an Grenzen oder werden Grenzen eingerissen.
Da wo Schmerz ist, ist auch eine Einladung zum Heilen.

Schmerz ist nicht gleich Schmerz. Wenn es wehtut und wir den Schmerz lokalisieren können, haben wir gute Hinweisgeber. Eine Wunde, die sichtbar ist, zeigt uns Handlungsbedarf.

Und was passiert, wenn wir uns einreden, mit Schmerz leben zu wollen? Ihm nicht ausweichen können, ihn zu verdienen oder nicht zu verdienen? Warum ist Schmerz mehr als ein körperlicher Reiz? Warum wissen wir manchmal nicht mal, wie offen Wunden liegen? Schmerz ist in der Soma ein Gefühl – also etwas oder ein Körperteil schmerzt. Gefühlter Schmerz auf seelischer Ebene ist keinem Gefühl gesondert zugeordnet. Fehlt das Körperteil dem wir die Ursache zu schreiben können, neigen wir dazu, vom Phantomschmerz oder Syndrom zu sprechen, doch so oder so – es schmerzt. Reden wir vom Herz-, Seelen- und Weltschmerz, dann meinen wir etwas, was wir selten näher betrachten und erforschen. Es gibt die 5 Phasen der Trauer nach Kübler- Ross, dennoch wäre es einseitig Schmerz der Traurigkeit zuzuordnen. Schmerz steht auch für Lust, Sehnsucht, Scham, Schuld, Transformation, Wut, Ekel, Zorn, Erstarrung, Flucht und Kampf und so viel mehr.

Man sagt: Humor fängt da an, wo es weh tut.

Dies liegt daran, dass Humor oder vielmehr die Ironie und Sarkasmus eine wichtige Form der Traumabewältigung sind, auch wenn manch einer dies nicht verstehen will. Wenn wir Lachen werden schmerzstillende Endorphine freigesetzt. Dasselbe auch beim Weinen, Fluchen und bei Orgasmen.

In narzisstischen Strukturen lernen wir im Idealfall, was wir nicht anderen antun wollen und für uns selbst tun dürfen und das ist ein schmerzhafter Prozess. Erkenntnis ist ein schmerzhafter Prozess. Die Wahrheit der anderen ist es. Die eigene Wahrheit ebenso. Veränderung und Neubeginn. Wie ist das wohl, wenn sich so ein junger Trieb durch den Asphalt der Straße bohrt? Schmerzhaft? Dennoch gelingt es dem Löwenzahn. Ihn interessiert der Asphalt nicht.

Haben wir schmerzhafte Widerfahrnisse mit anderen Menschen, erfahren wir, welche Gefahr darin besteht, andere als Stellvertreter für den eigenen Schmerz zu nutzen. Verletzte Menschen verletzen Menschen. Genauso Menschen ohne Einfühlungsvermögen und sadistische Menschen haben zusätzlich am Schmerz einen Lustgewinn. Ablehnung und Ausgrenzung lösen im selben Areal im Gehirn Impulse aus wie realer physischer Schmerz. Deswegen ist das Idealisieren und Entwerten sowie „aussortiert werden“ stets mit Schmerz physischer und psychischer Art verbunden. Es ist nicht nur, dass wir Schmerz und Wunden heilen, es geht darum, eine gewisse Immunität für das Geschehene zu entwickeln, ohne erneut sich der Gefahr auszusetzen. Die berühmte Herdplatte verstehen und ja, dieses Wachstum ist kein Sprint. Es ist ein Marathon im Schnecken-Tempo. Und nicht selten ist es nötig, am eigenen Grenzverlust zu brechen, um heilen zu dürfen. Dann stellt uns der oft unausgesprochene Schmerz vor verhärtete Verbitterung und stille Wut oder wir erfahren Schritt für Schritt, Mitgefühl und Verständnis für uns selbst. Auf eine Skala von 1 kaum bis 10 maximal, wo liegt der Schmerz? Und dann bleibt die Frage:

Für welchen Weg entscheidest Du Dich?

In unseren Zeelen (Soma, schutzgärtnerische Wortschöpfung für: Seele und all unseren Zellen) steckt ein Haufen Schmerzerinnerung. Betrachtet man die transgenerationale (generationsübergreifend) Trauma-Theorie als gegeben, auch die unserer Vorfahren. Doch der eigene erfahrene Schmerz liegt uns ebenso inne und der ist uns stets der Nächste, ob wir ihn nun fühlen wollen können oder nicht. Nun neigt Mensch zum Schmerzmittel und zur schnellen Lösung, statt Grenzen zu erkennen und zu hinterfragen. Ungute Gefühle schnell in den Griff bekommen, ablenken und weiter geht es.

Das sind dann Menschen, die irgendwann auf die Frage: „Wie fühlst Du Dich?“, keine Antwort mehr finden. Oder die andere Seite, wenn Du nur noch von Schmerz lebst und er vereinnahmt. Da, wo sich der Schmerz früher oder später physisch manifestiert.

Schmerz ist oft kein einziges Gefühl, es ist das, was die Wunde auslöst. Es brennt, zieht, sticht, puckert und fühlt sich auch mal taub an. Somatisch kann sich seelischer Schmerz tatsächlich in realen Schmerz ausdrücken oder durch Druck-, Verspannungsgefühl und Entzündung auf sich aufmerksam machen. Ist der Schmerz zu groß, ist oft die Ohnmacht, das Gefühl, die einen einnimmt und die lähmt. Weil wir einerseits fähig sind, Schmerz auszuhalten, andererseits nicht alles auf Dauer aushalten. Wir benötigen die Selbstregulation sowie Balance und ein Ohr für den Schmerz. Wir benötigen mehr als ein: „Es tut weh, lass was machen, dass es aufhört!“ Mehr ein: Was tut es noch und warum? Den Blick hinter den Schmerzspiegel.

Wir benötigen auch mehr als Echokammern. Wo wir uns gegenseitig den Schmerz zeigen und klagen, wir benötigen Zeit und Raum zu trauern. Wir benötigen Zeit und Raum, Schmerz wahrzunehmen und zu transformieren. Mitgefühl für uns und andere. Zeit und Raum, die Botschaften hinter dem Schmerz zu verstehe und die Bedürfnisse dahinter zu entdecken und zu stillen. Wir sind gut beraten, uns mehr als nur einen Schmerzkörper zu verstehen oder uns von ihm dominieren zu lassen, indem wir ihn unterdrücken.

Schmerz triggert unsere Urinstinkte und das ist in dem Fall „Überleben! Unglück vermeiden!“.
Unser Unterbewusstsein ist darauf konzipiert, die schnelle Lösung zu bevorzugen. Betäuben.
Drogen, Sex, Kampf und Flucht. Nicht unbedingt Mittelchen die uns guttun. Holistisch betrachtet lädt uns Schmerz ein, genau da näher hinzuschauen und zu fühlen. Fehlt der Zugang gibt es viele Wege dahin zu kommen doch dafür ist Unterstützung sinnstiftend. Ein großer Schlüssel ist die körperorientierte Traumatherapie und das Embodiment im Sinne uns als lebendiges Wesen zu erfahren und diese Prozesse, wie Schmerz, weniger in physisch und psychische Grenzen zu pressen.

Das Lust- und Schmerzzentrum liegen nah beieinander im Gehirn, was es für manche Menschen schwierig macht, wenn der Schmerz mit der Lust am Leben unbewusst verknüpft ist oder dem „sich überhaupt fühlen“ gleichgesetzt ist. Da dominieren Risikoreiz, Verletzung und Selbstverletzung.

Eine andere wirksame Methode, sich den Raum und Zeit zu geben für Schmerz ist das psychologische Gespräch mit neutralen Personen (Berater, Coaches, Seelsorgern oder Therapeuten) und Freunden.

Ich hoffe, es ist mir mit diesem Beitrag gelungen, weniger den Schmerz zu nehmen, – mehr die Neugier und Dein Interesse zu wecken, den Schmerz vielseitig zu betrachten statt als etwas, was ganz schnell verschwinden soll oder stetig im Fokus liegt. Ich danke Alexandra für die Inspiration zu diesem Beitrag und allen Unterstützern meiner Arbeit. Wie das geht, meine Arbeit zu unterstützen, habe ich hier beschrieben.

Weiterführend zum Thema:

Überlebensmodus
narzisstischer Missbrauch – Was Du für Dich tun kannst
Zeit und Raum für unsere Trauer
In der Regel wird es schlimmer
warum Berührungen wichtig und gefährlich sind
Mächtige Ohnmacht
körperorientiert Trauma auflösen und integrieren 1 2 3
Weltschmerz

Die Schutzgärtnerin

Spirit Beratung und Coaching in und nach narzisstischer Gesellschaft
Manja Kendler
Februar 2022

Ein Kommentar zu „Der Schmerz in Dir und um Dich herum

  1. Vielen Dank .Liebe Manja.Lese seit Jahren mit großem Interesse den Schutzgarten und kann nur sagen er ist sehr hilfreich und wie du das beschreibst ist sehr empathisch. Hoffe ich kann irgendwann auch mal Spenden,da es wichtig ist,das diese Art dein Wissen weiter zu geben , meiner Meinung nach sehr gut ist. Das Thema SCHMERZ ist wunderbar beschrieben.Dankeschön.

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