Hummel Frieda erzählt: Zaungast im eigenen Schutzgarten

Kurzgeschichte inspiriert durch Mitgliederbeiträge in meiner Gruppe Schutzgärtnern 3.0
und vom eigenen Gärtneralltag.

„Wenn Hummeln depressiv sind, summen sie niederfrequenter und lassen den Po leicht hängen“ konstatiert mir Frieda und fliegt zwei Loopings, um meine Arbeitsstelle, wo ich gerade versuche, Herrin über den Löwenzahn zu werden. Dieser hatte meine Sommerliegewiesenstelle vollständig vereinnahmt. „Das waren aber viele Wünsche!“ Ich schmunzel, denn Frieda hat recht, die Pusteblumenwunschparty letztes Jahr war wohl ein Auslöser. „Und Bei Dir so?“, ächze ich Frieda an, während ich an einer besonders dicken Wurzel ziehe. „Nu ja, Rapsblüte ist ja nun vorbei – es lebe die Akelei. Kannst Du mir nicht ein bisschen Büschelschön und Wiesensalbei hier her pflanzen? Ich frag für mich und meine Freunde.“

Erst stutze ich, mein Garten meine Entscheidung, doch dann überlege ich, ob ich meinen Gästen nur das anbieten sollte, was ich gut finde?

„Summmmmm.“

Oder eine Trauerweide hier hinten an der Gartengrenze, für die Zaungäste im Sommer?“ – „Whoaaaat? Ne Trauerweide an die Grenze zimmern?“

Frieda setzt sich auf einen der gelben Blumenköpfe, der Pflanze, die ich gerade bearbeitete und mir kommt es so vor, als würde sie zwei ihrer Beinchen in die Hüfte stemmen. Selbstvertrauenspose. Wow. Ich wischte mir eine Schweißperlenkette, die kurz vor dem Zerfall war, von der Stirn. „Weißte, der Bambus da hinten nimmt schon so viel Licht und Platz.“ Doch ich merkte auch, wie meine Erklärung an der Hummel abprallten.

„Summmmm.“

Ich schaute rüber auf den Bambus und erinnerte mich an den Kampf. Im Spätsommer bemerkte ich, wie er meinen Garten in seiner Freiheit okkupierte, hab ihn sogar mit ‚Du hohles Gewächs‘ beschimpft und war zur Strafe im Moos eingesunken, vergraben. So ein paar Tage unter der Erde, doch das ist eine andere Geschichte.

„Summmmm.“

Na gut keine andere Geschichte. Ich war tagelang mit dem Bambus in Verhandlung über Grenzen, Reichweite, Freiheit und fehlendes Sonnenlicht. Und hab bei all dem den Übergang zum Herbst verpasst. 90 % meines Schutzgartens hatte ich seit Wochen nicht mehr gesehen. „Du warst Dein eigener unterirdischer Zaungast.“, nickte Frieda mir bestätigend zu.


Der Boden unter der Hundeblume wollte nicht nachgeben und die Wurzel brach, „Die olle Saublume kommt wieder!“ Frieda kicherte „Für Löwenzahn brauchst Du Geduld und Durchsetzungskraft.“-„Ja Frieda, wie für Bambus und all die anderen Herausforderungen beim Schutzgärtnern. Ich könnte manchmal heulen und alles wild wachsen lassen und nur noch am Rand leben.“

„Summmmm.“
„Nee Frieda, das ist nicht schön, wenn Menschen depressiv werden summen sie auch niederfrequent. Wir haben keine Flügel, die unser Übergewicht tragen und uns mal eben auf die Sonnenseite zum Raps übersetzen, um uns den Bauch voll Glück zu schlagen.

Wir sind dann Zaungäste und irgendwo anders spielt das Leben, Ausruhen wird zum Sterben oder zur Flucht und dieses Gefühl, was zu verpassen.“

„Du bist hier!“, erinnert mich Frieda. „Und die kleine Buddelstelle an der Bambusseite auch.“ – „Du meinst das riesige Loch?“ –„Ja genau.“

Es entstand eine ernsthaftige Stille. Zack, enthebelte ich einen Löwenzahn. „Baustelle!“, warf ich in die Luft und Frieda flog spiralförmig hinterher. „Machst Du eigentlich Salat, Tee und Sirup aus dem Löwenzahn? So was hilft bei Wut und Heiserkeit.“

„Kleine schlaue Hummel Frieda“, zische ich, obwohl ich weiß, dass sie recht hat.

„Nee Kompost!“, sag ich etwas zu laut und aggressiv, sodass der Amselmann erschrak, der gerade zu trällern begann und fast von der Tanne flog.

„Zuviel Mist ist Gaggimist!“

Auch da hatte sie recht.

Ich ließ mich in das Gras sinken auf den Rücken, stellte meine Beine an und verschränkte die Arme hinter meinem Kopf. Atmete tief durch und folgte den Schwalben bei ihren Achten. So sehr ich auch die Wärme genoss, nach wenigen Minuten erschien sie mir unerträglich. Doch mein Körper wollte mehr und länger ausruhen. Ich leg mich ins Bambus-Massaker-Loch schoss es mir durch den Kopf. Dann brummte mir Frieda direkt ins Ohr!

„Summmmmsi mit Po!“

Bitte was?“ – „Du brauchst eindeutig sumsi mit Po!“
„Ja gut, aber verstehe ich nicht!“
„Ach, so rückwärtsgerichtet und zukunftsorientiert aber sumsi mit Po nicht verstehen wollen. Hast Du nicht selbst geschrieben, es braucht Raum und Zeit zu trauern? Wo bleibt der Optimismus bei der Sache? Wie behandelst Du Dich so als Zaungast Deines Schutzgartens? Und wie schön wäre da eine Trauerweide?“

Ich schüttelte mich vor Lachen und drehte mich auf alle Viere.

Jetzt fing mir an diese Idee zu gefallen. Genau da, wo das Loch klafft, da pflanz ich eine Trauerweide. Die gieß ich dann mit meinen Tränen und kann sie im Schutze der Zweige umarmen, wenn mir danach ist!

„Summmmm.“
Frieda flog beseelt davon, um ein paar ihrer Hummelfreunde im niederfrequenten Bereich summend zu unterrichten, welch Freude wir bald teilen. Ich beschloss, den restlichen Löwenzahn stehen zu lassen, um ihn zukünftig besser zu nutzen.

Optimistische Herzensgrüße an alle Zaungäste ihres eigenen Schutzgartens denkt dran:
Sumsi mit Po!

Eure Schutzgärtnerin
Manja Kendler

Mai 2022

Weiterführend:
Wenn ihr Hummeln mögt und wissen wollt was sie mögen, schaut mal hier auf der Seite vorbei, da findet ihr eine Übersicht aller Pflanzen, Sträucher und Bäume.  

5 Kommentare zu „Hummel Frieda erzählt: Zaungast im eigenen Schutzgarten

  1. In meinem Schutzgarten wächst ganz, ganz viel Strand-Rhabarber, Dünen-Gras und ein paar Krüppel-Kiefern. Der Rest nun ja, sind Sand, Eiszeit-Steine, und Meereswellen.
    Und diskutiert wird auch nur mit den Möwen, wem die Kekse gehören.

    Gefällt mir

Kommentar hinzupflanzen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.