Leichte Gewalt – eine schutzgärtnerische Begriffsbetrachtung

In der Ausbildung ‚Schutz und Hilfe bei häuslicher Gewalt‘ bin ich das erste Mal offiziell über diese Beschreibung von seelischer Gewaltbeziehung wortwörtlich gestolpert, da rebellierte in mir all die Erfahrungen mit den Auswirkungen dieser sogenannten „leichten“ Gewalt. Erneut schluckte ich, als die häusliche Gewalt-Expertin Dr. Hughes im Heard-Depp Fall argumentiere, die Beleidigungen und Schläge seitens Amber Heard wären „nur leichte Gewalt“ und als völlig normal anzusehen in diesen Beziehungen. Einerseits ist dies tatsächlich so fachlicher Konsens, doch andererseits herrschen aus meiner Sicht verharmlosende Ansichten darüber, was „leichte Gewalt“ ist und über deren massiven Auswirkungen. Andauernde Misshandlungen bleibt Missbrauch, da interessiert die Seele kaum, welcher Art!

Meine Gedanken beziehen sich darauf, dass missbrauchte Menschen zu Tätern werden, aber nicht alle. Und diese „leichte Gewalt“ in ihrer Erfahrung über längeren Zeitraum eine der perfidesten Formen der Gewalt, bleibt, vielleicht weil wir ihr ein Stigma verpassen nach dem anderen. Dabei übersehen wir gern die Gefahr, dass sie im Großteil der häuslichen Gewaltfälle eine Rolle spielt und besonders wie wir sie erkennen, einschätzen und mit ihr umgehen.

Im Bericht „Eine repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland“ im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und einer 2002-2004 ausgeführten Studie zur Gewalt an Frauen hält man zumindest bereits schriftlich fest:

„In unseren Untersuchungsergebnissen wurde sichtbar, dass auch Gewalthandlungen, die zunächst eher als leichte Gewalthandlungen erschienen, bei einem relevanten Teil der Fälle mit Verletzungsfolgen verbunden waren und deshalb nicht ohne Weiteres als leichte Gewaltformen eingestuft werden können.“

Gewalt ist ein Überlebensreflex, ein Ventil, doch weniger eine pure Antwort, mehr ein Symptom der Polaritäten, die aufeinanderprallen. Ein Ausrufezeichen. Eine Sprache aus dem Ugah-Agah-Land Millionen Jahre alt. Sie ist uns quasi tief im Stammhirn gepflanzt. Wer seine Geburt überlebt hat, wer schon mal einer Geburt beiwohnte oder eine durchstand, weiß nicht jede Form der Gewalt kommt in Form eines Schlages oder eines klar definierten Übergriffes.

Eine Geburt ist eine ‚gewalt’ige Erfahrung. Hormonell sind Mütter und Kinder theoretisch perfekt dazu ausgestattet, diese direkt im Anschluss zu verarbeiten, doch in der Praxis sieht es anders aus, oder? Traumaforscher und Neurologen gehen mittlerweile davon aus, dass es möglich ist, bereits vor der Geburt Trauma im neuronalen System abzuspeichern. Über die hohe Anzahl traumatisierter Gebärenden wird auch weniger gesprochen. Dabei ist hier neben Komplikation und Schmerz ein hoher Anteil von „psychischer Gewalt“ betroffen seitens der Geburtshelfer, die das wunderbare Erlebnis einer Geburt zum Höllenritt werden lassen. Zuviel Gewalt verschiedener Art ist schwer verdaulich. Naturgewalten forderten von uns Lebewesen Resilienz, Kraft, Abwehrverhalten sowie eine gewisse Autorität aber auch Orientierung und jemand der mitfühlt.

Und joa, theoretisch können wir uns hier und heute auf die Schultern klopfen und sagen: Wow, ohne die Macht unserer Vorfahren der Gewalt friedvoll und offen entgegenzutreten, wären wir nicht hier. Paradox, dass manch einem seine Wahrheit eventuell umgedreht bleibt und „Macht“ für immer durch Domination, Beleidigung, Abwertung, Manipulation, Einschüchterung, Kontrolle über Menschengruppen und Bedrohungsszenarios stattfinden muss. Jene funktionieren nur so lange, wie man ihnen das glaubt.

Jedoch wird die Gefahr übersehen, weil bedauerlicherweise nur wenig Bewusstsein dafür herrscht, was das mit uns dauerhaft macht sowie diese „leichte Gewalt“ schwere Folgen mit sich bringt.

Das neuronale und somit das gesamte System Mensch fängt sich an, unter andauernder psychischer Gewalt zu verändern. Es geht noch eine Weile im Kampf Flucht Modus oder passt sich an, doch die Ohnmacht führt zum Shutdown. Unabhängig ob Mensch funktioniert oder ausgelaugt darauf wartet. Das Mindset fährt Notprogramm, gereizt, gestresst und darauf aus, Gefahr zu vermeiden. Es folgen Depression, Erkrankungen und weitere ungesunde Strategien, das Widerfahrene zu verarbeiten.

In toxischer Beziehung gibt es meist unterschiedliche Strategien, diese Modi in Extremform zu leben oder zu beheben. Einige dieser Strategien führen tiefer in den Kaninchenbau, andere heraus.

Das hat aus psychologischer und traumapsychologischer Sicht dieselben Auswirkungen wie sexuelle und körperliche Gewalt zumindest bei 75 % der Menschen ,die laut Sandra L Brown mit einer posttraumatischen Belastungsstörung (Folgestörungen nicht ausgeschlossen) diese „leichte Gewalt“ Beziehungen überleben. Joachim Bauer spricht vom Psychotrauma, welches in Prävention und Nachsorge sowie Schutz gern übersehen wird und unterschätzt.

Nachteilig daran, es passiert über längeren Zeitraum, es wird seltener überhaupt als Gewalt erkannt und benannt. Es wird minimiert und relativiert von Tätern, Opfern und vom Umfeld. Die Gefahr, weitere Formen der Gewalt sowie deren Eskalation zu erfahren, ist auf beiden Seiten (Täter und Opfer) gegeben. Wie können wir hier von „leichter Gewalt“ reden?

Wäre „unsichtbare“ oder „schwelende“ Gewalt ein möglichst sensibilisierender Begriff?

Mir ist klar, dass es Abstufungen zur Bewertung geben muss, doch auch Reformen. Wie wir zukünftig anhaltende psychische Gewalt im Hilfesystem einschätzen, wahrnehmen und als schwelende Gefahr verstehen, die selbst wenn Kein-Kontakt oder eine Beziehung mehr besteht noch Auswirkungen hat.

98 % der Täter seelischer Gewalt wenden diese erneut an, besonders wenn ihrer „leichten Gewalt“ keine Konsequenz droht.  (Quelle: protectionfromabuse.com)

 „Gewalt ist der tatsächliche oder angedrohte absichtliche Gebrauch von physischer oder psychologischer Kraft oder Macht, die gegen die eigene oder eine andere Person, gegen eine Gruppe oder Gemeinschaft gerichtet ist und die tatsächlich oder mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Verletzungen, Tod, psychischen Schäden, Fehlentwicklung oder Deprivation führt“
WHO im Bericht „Gewalt und Gesundheit“ von 2002.

Strafbar ist psychische Gewalt in Deutschland theoretisch in folgenden Fällen:
§ 185 StGB Beleidigung
§ 186 StGB Üble Nachrede
§ 238 StGB Nachstellung/Stalking
§ 241 StGB Bedrohung
§ 253 StGB Erpressung
(Anmerkung: Zeugen sowie Beweise und Dokumentation ist notwendig.)

Ich danke für Aufmerksamkeit und Interesse an diesem Thema und freue mich, wenn die Diskussion und Sensibilisierung damit angeregt wird.

Bei mir findest Du online und telefonisch individuelle, diskrete Fachberatung und Coaching zum Schutz und Hilfe bei Häuslicher Gewalt und narzisstischem Missbrauchs-Widerfahrnis. Trauma-erfahren und informiert.

die Schutzgärtnerin
Manja Kendler
August 2022

weiterführend:
Coercive Control
Ist der Begriff „narzisstischer Missbrauch“ der richtige?
Warum Schutzgärtnern?
Über Gewalt und Aggression und was uns als Gesellschaft bewusst sein darf

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