Hinter den Spiegeln mit „Anti-Hero“ von Taylor Swift

Dies ist weder ein Diagnoseversuch noch Text über Taylor Swift,
mehr eine schutzgärtnerische Analyse und Interpretation der Inhalte einer ihrer Songs.

Taylor Swift ist seit dieser Woche mit: „Anti-Hero“ auf Platz 1 der Billboard Charts.
Sie ist Künstlerin des Jahres und hat kürzlich einen Ehrendoktortitel erhalten.

Auf „Anti-Hero“ bin ich das erste Mal aufmerksam geworden durch einen Post von Ross Rosenberg, dem Autor von „The Human Magnet Syndrome“ auf Facebook, welcher nach Meinungen zum dargestellten, verdeckten Narzissmus im Video fragte. Was ich dann sah, hinterließ eine mir bekannte hypnotische Leere. Hier wäre die Geschichte beendet, wenn ich nicht zum #Musikfreitag auf die Idee gekommen wäre, den Song auszukramen und mir dabei drei weitere Vids angezeigt wurden zum Thema. Im ersten dazu diagnostizierte man komplexe Posttraumatische Belastungsstörung und in zwei weiteren narzisstischen Missbrauch. Auch Dr. Ramani, die durchaus hier und da gute Videos hinter einer überbordenden Infoflut herausgibt, begibt sich auf letzteren Spuren.

Als Überlebende von Häuslicher Gewalt sowie die Erfahrungen mit diversen Menschentypen, sollen sich die Experten denken was sie wollen, ich schaue auf das, was da, steht und gezeigt wird und möchte gern eine Lanze brechen für andere Betroffene. Aus Gründen die ich bereits 2016 erklärte.

Narzisstischer Missbrauch wird hier zum schwammigen Begriff. Hier habe ich einen Knoten, denn nur anhand von den beschriebenen Symptomen darf aus meiner Sicht „narzisstischer Missbrauch“ weniger im Hauptfokus stehen. Meint Dr. Ramani etwa, dass man sich so auch in narzisstischen Beziehungen fühlt ohne Ausschluss der Tatsache, dass sich Opfer pathologischer Liebesbeziehungen, ohne selbst einen pathologischen Hintergrund mitzubringen, eher getriggert fühlen dürfte? Statt sich selbst zu erkennen, eher das Mindset ihrer Peiniger.

Natürlich kennen auch sie das Gefühl, verrückt zu werden oder danach selbst den Missbrauch mit sich fortzuführen. Das Gefühl, „kaputt“ zu sein, Schaden genommen zu haben, doch der Rest ist Charakter und Persönlichkeit. Doch dem narzisstischen Missbrauch oder besser gesagt dem Kampf mit der narzisstischen Wunde sind ebenso auch Menschen mit narzisstischen Störungen in der Persönlichkeitsstruktur ausgesetzt.

Im Song selbst bleibt der Text ichbezogen, jedoch dem Publikum präsentiert. Da ich kein Swiftologe bin, recherchierte ich stichpunktartig und stelle einen Songanalysenhype und Personenkult fest, nicht zuletzt verstärkt ausgehend von der Milliardärin und Geschäftsfrau selbst. Neben akkurater Popmusik entdecke ich mystisch plumpe Andeutungen und ganz viel Ehrfurcht und Anhimmlung für sie, jedoch weniger für ihre Ex-Freunde. Doch ich wollte ja nicht über Taylor (was mir an diesem Punkt leicht unmöglich erscheint) schreiben also zurück zu dem, was mich an der Geschichte triggert.

Einerseits finde ich es richtig und wichtig, wenn sich Musik und Popkultur psychologischen Themen öffnen. Banks hat zum Beispiel selbst Psychologie studiert, Francis and the Maschine widmen sich fundierten Themen wie Angststörungen, doch wie ist es, wenn uns Essstörungen, Alkoholismus, Selbstsabotage, Angst, Depression und Schlafstörungen vorgeführt und anschließend ferndiagnostiziert werden? Mir wird klar, dieser Song muss auf Menschen, die sie kennen und verfolgen und die geradezu sehnlichst auf das zehnte Album wartenden, eine Offenbarung sein, und man nimmt Ihr den Opferstatus ihrer „Unsicherheiten“ ab und findet sicherlich auch da einen Weg auf schuldiges Umfeld die Verantwortung zu übertragen, warum sie so ist, wie sie ist. Die Beobachterposition wird schnell zur Retterposition. Die meisten wollen jedoch den Song einfach nur covern oder remixen, weil es so gut resoniert.

Applaus, Applaus, Applaus.

Millionen Songwriter und Songwriterin fressen ihre Hand, wenn sie versuchen zu verstehen, wie man seine Seele der Musikindustrie verkauft oder feststellen, dass all der Erfolg weder Schmerz, Unsicherheit noch vor stetiger Arbeit schützt.

Jemand, der ernsthaft solche Unsicherheiten, wie sie im Song vorgibt zu haben, permanent aufzeigt, könnte ihren Job und die akkurate Ausführung dessen nicht konstant abliefern, da kann ja jeder mal kurz selbst in sich reinlauschen, der diesbezüglich Symptome aufweist. Es sei denn, die Zufuhr im Außen ist die Nahrung und gewollt. Und das ist dann ein Teufelskreis der Abhängigkeit zu Fans, Stalkern und toxische Dynamiken provoziert. Mastermind der Geschichte bleibt Swift und ihre Entourage.

Dieses „Am Abgrund funktionieren“ ja auch das ist nicht untypisch für toxische Beziehungen, doch wenn, dann reden wir im Kontext von ein paar Monaten „Überlebensmodus“ weniger von Langzeitpraxis. Sonst wird aus Opfern das Täter Ding. Auch und vor allem sich selbst gegenüber.

Taylor selbst sagt zu dem Song, es gehe um all die Dinge, die sie an sich hasst und lieben lernt, um ihre Unsicherheiten und es wäre der ehrlichste Song jemals zum Thema. Im Text Kredit findet sich auch ihr Produzent Jack Antonoff.  Aus eigener Erfahrung kenne ich die Prozesse, einen Song zu schreiben und die Jagd nach Zeilen die komplexe Situation stilisieren, beschreiben und eine Stimmung zu erzeugen. Metaphern, Reime und Stimmung gehen Hand in Hand und am Ende macht der Zuhörer seins daraus. Je mehr Menschen diese Prozesse begleiten desto wahrscheinlicher, dass Texte sich verändern.

Es ist (Pop)Kunst und die ist interpretierbar und analysierbar.

Wird durch Taylor Swift und Songs wie Anti-Hero (verdeckter) Narzissmus, Essstörungen und „gemeines und zerstörerisches Verhalten“ (weil man Opfer war) salonfähig? Sind das Vorbilder, die unsere Gesellschaft braucht oder mehr ein weiterer Ausdruck dessen, wie es um unsere narzisstische Gesellschaft steht? Statt mir Zeilen herauszusuchen, habe ich mich durch jede einzeln durchgeforstet und bin auf viele Auslegungsmöglichkeiten aber wenig Tiefe gestoßen. Gestoßen, weil ich mich selbst übernommen habe mit den Triggern. Dieser Beitrag entstand unter Extra Selbstfürsorge, dazu rate ich auch jedem Leser. Besonders für jene, die mit in den Kaninchenbau herabsteigen, Zeile für Zeile. Was ist es also, was sie besingt und zeigt, denn die Videoumsetzung ist wesentlich bei, da versteckt sie gern hinweise in Form von Eastereggs (kleine Hinweise), sagt sie.

I have this thing where I get older, but just never wiser
Ich habe dieses Ding, wo ich älter werde aber einfach nie weiser

Das meinte ich, was ist dieses Ding?

Liebesbeziehung, Impulsivität, Narzissmus, toxische Beziehung, Sucht zum Beispiel nach Applaus?

Stetig das gleiche Experiment zu wiederholen und ein anderes Ergebnis zu erwarten, ist die Definition von Wahnsinn. Andererseits können wohl die meisten sich mit so einem „Ding“ (oder zwei mehr) identifizieren und sich im Kreis drehen. So fühlt sich Sucht zum Beispiel an und somit auch die ständige Rückkehr zu toxischen Partnern und in alte Muster. Im Video wird von ihr im Smily-Gesicht-Frühstück das Gelbe vom Ei im allsehenden Auge angestochen und pinker Goo-Glitter quillt hervor. Steht jener für die hypnotische Grandiosität? Ihr Innerstes?

Midnights become my afternoons
Mitternächte werden zu meinen Nachmittagen

Ein intensives Nachtleben oder Schlafstörungen, die einen anderen Schlafzyklus entstehen lassen, können verschiedene Ursachen haben, auch nach dem narzisstischen Missbrauch oder pathologischen Liebesbeziehungen und allgemein traumatischen Erfahrungen sind Schlafstörungen keine Seltenheit. Auf Dauer ist die beeinträchtigend für die Gesundheit. Das Album, welches den Song beinhaltet, heißt „Midnights“. Sie beschreibt weiter::

When my depression works the graveyard shift,
Wenn meine Depression die Friedhofschicht (Mitternacht bis morgens) übernehmen

Depression, die sich nachts manifestiert und Gedanken ausgraben, auch hier kann wohl fast jeder verstehen, wie sich das anfühlt des Nachts von den Gedanken der Vergangenheit in Träumen verfolgt oder wachgehalten zu werden. Spirituell sagt man, weil nachts das Licht fehlt, um Halt und Ordnung zu finden und die Nacht den Fall, die Vergänglichkeit und das Ungewisse symbolisieren. Schlafstörungen beziehen sich in erster Linie auf Ängste. Auch fehlendes Tageslicht, Stress und Missbrauch hinterlassen Spuren bei der Schlafhygiene.

Auch narzisstische Menschen sind mit Depressionen in narzisstischen Krisen gestraft und der Mythos, sie schlafen wie Babys, hält sich hartnäckig. Dem ist nicht so, auch wenn sie in vielen Fällen den „Erschöpfungsschlaf“ praktizieren, welcher typisch für Trauma ist. Je nach Reflexion werden sie auch von der Angst nach fehlender Zufuhr oder Gewaltfantasien oder Vergangenheit des Nachts gejagt. Gerade Menschen mit verdecktem Narzissmus leiden mitunter an Insomnie. Sie bekommen ihre Gedanken nicht in den Griff und zur Ruhe. Stehen nachts auf, verbreiten Unruhe. Das mag an narzisstischer Verwundung liegen oder eine neue Zufuhr, die erobert werden soll.

all of the people I’ve ghosted stand there in the room
alle Leute die ich geghostet habe, stehen nachts dort im Raum.

Was Ghosting bedeutet, ist im Beitrag beschrieben
. Ich weiß nicht, für wie viele Menschen Du „unsichtbar“ und ungreifbar geworden bist, doch verwechsle Ghosting bitte nicht mit einem Kontaktabbruch im Sinne von Kein-Kontakt. Menschen verlieren sich aus den Augen und oder sind nicht fähig, Kontakte aufrechtzuerhalten auch dazu gibt es aus psychologischer Sicht verschiedenste Hintergründe und mögliche Diagnosen. Der poppsychologische Begriff „Ghosting“ beschreibt das gezielte Desinteresse und Verschwinden ohne Begründung von Dating und Beziehungspartnern aus Opfersicht. Taylor beschreibt, dass sie Personen zum Geist werden lässt. Im Video zeigen sich dazu vermummte Gestalten ohne Identität. Doch besitzen sie einzelne Hinweise zu ihrer Vergangenheit. Vergangene Handlungen und Anteile? Expartner? Ich vermute sie selbst und frühere Versionen und Themen. Auch narzisstische Menschen betrachten in etwas so vergangene und bestehende Beziehungen und internalisierte Objekte.


I should not be left to my own devices
Ich sollte nicht mir selbst überlassen sein oder mit meinen Geräten alleine sein

Fehlende Selbstverantwortung in Umgang mit Technik ist ein gesellschaftliches Problem.

Ja, auch nach narzisstischer Trennung (besonders, einem Grand Finale) neigt Mensch zu irrationalen Handlungen und Ruhe wäre idealer als die Youtubeschlaufe oder wieder Kontakt zu suchen oder den Expartner zu stalken. Im Song selbst bezieht es sich, soweit ich es verstanden habe, auf ihre Meinung, die sie jedes Mal einen Shitstorm kosten könnte. Vielleicht schickt sie auch böse Nachrichten an Ex-Freunde oder zieht sich Hass Kommentare rein?

They come with prices and vices
Sie sind mit Kosten und Lasten verbunden

Bevor eine Künstlerin, wie sie eine Meinung äußert, rechnet ein Management aus, was das kosten wird. Image, Follower, Umsätze. Für verdeckte Narzissen geht es um Zufuhr und diese ist mit Kosten und Lasten verbunden. Kontakt nach toxischer Beziehung kostet und belastet von vorn. Die Kompensation dessen zeigt sich nicht selten in Lastern. Und dann wäre da noch das allgemeine Dilemma der sozialen Medien.

I end up in crisis (Tale as old as time)
Ich ende in Krisen (Märchen so alt wie die  Zeit)

Hier wird die narzisstische Krisentheorie mir persönlich bestätigt.

I wake up screaming from dreaming  One day, I’ll watch as you’re leaving
Ich wache schreiend vom Träumen auf, Eines Tages, werde ich zuschauen, wenn Du mich verlässt

Albträume. Die Angst vor dem Verlassenwerden ist ein Schlaf und Ruhe Killer.

Bei narzisstischen Menschen manifestiert sich hier die Angst vor dem Zufuhrverlust.

In toxischen Beziehungen und innerhalb der narzisstischen Strukturen ist die Spannung und Angst vor dem Ende der Beziehung, die gelebte Realität und Thema.

‚Cause you got tired of my scheming, (For the last time)
Weil Du meine Intrigen satthast, zum letzten Mal.

Hier ist ein weiteres Bekenntnis, die Angst davor: ihre Manipulationen fliegen irgendwann auf und dann wird sie irgendwann zum letzten Mal verlassen.

Kurzes Fazit:
Ich höre, lese, sehe hier die Dynamik und Muster, andere lieber zu verlassen, bevor ihre Manipulation auffliegt und sie verlassen wird. Sie kann sich bei Menschen im Video nicht melden, da ihre Telefonleitung gekappt ist, doch bevor sie verzweifelt klingelt es an der Tür und die Rockversion von Ihr steht im Türrahmen und stellt sich vor mit:

It’s me, hi I’m the problem, it’s me
Ich bin es, hallo Ich bin das Problem, ich bin es.

Ich Ich Ich …

Der Trugschluss, narzisstische Menschen würden nie zugeben, das Problem zu sein ist gefährlich, das tun sie durchaus, es ist eine Frage der Ausprägung, Reflexion und Therapiefortschritt und Phase. Gehe ich von einer narzisstischen Krise aus, die hier besungen wird, ist bis her der Text nach Lehrbuch. Ein überhöhtes externalisiertes Größen-Ich wird erschaffen, welches die Führung innehält.

Unabhängig davon noch mal extrem narzisstische Menschen neigen dazu, ihre Pathologie auf andere zu bluten. Daher auch die toxische Scham bei narzisstischem Missbrauch und das Gefühl, „Schuld“ zu sein. Im Video steht eine zweite Taylor vor der Haustür in einer extrovertierteren, rockigen und dunkleren Version, die sich schuldig bekennt, das Problem der trinkenden und leidenden Taylor (Größen-Klein) zu sein. Eine Stellvertretung für das aufsässige Popstarimage und den inneren Kritiker.

At teatime, everybody agrees
Zur Teezeit stimmt mir jeder zu.

Englische Traditionen stehen für Benehmen und Anstand. Eine mögliche Referenz auf ihre Albträume, die sie, wenn schläft, einholen und Mitternacht zu ihrem Nachmittag werden lässt. Ergo: Ihre Unsicherheiten ihr zustimmen. Das soziale Miteinander bestätigt sie. Im Video sehen wir, wie sich beide Taylors betrinken und sie sich ein High Five geben und Taylor 2 eine Gitarre zerkloppt.

I’ll stare directly at the sun, but never in the mirror
ich starre direkt in die Sonne, aber niemals in den Spiegel.

Ihr Größen-Ich ist ihr Nordstern, sie das Zentrum des Universums (ja im Swiftuniversum), aber auch Selbstverblendung (Gefahr bei Sungazing bereits bei Sekunden)? Das „sich selbst nicht im Spiegel sehen können“, kann vielerlei Gründe aufweisen. Unsicherheit und Komplexe, aber auch Schuld und Scham stehen hier im Raum. Das lieber in die Sonne schauen statt in den Spiegel ist die Taktik der extrem narzisstischen Menschen, auch Taylor erfindet sich ständig neu im Außen, doch privat ist sie selbst davon geblendet? Vielleicht findet sich hier auch eine Referenz auf „The Mirror“ und „The SUN“, beides englische Tageszeitung und dem Klatsch und Tratsch wird zur Teezeit zugestimmt. Also so wie: Ich schau niemals in die Morgenpost, ich schau immer in die Bild. Wusstet Ihr, dass man in einigen Städten nah am Nordpol Sonnenspiegel nutzt, um das Sonnenlicht im Winter in die Stadt zu bringen? Ich schweife ab, sich selbst nicht im Spiegel anschauen können, allein … ist keine Diagnose. Auch Opfer narzisstischen Missbrauchs neigen dazu, nach einem Ideal zu streben und ihre Peiniger zur Sonne des Universums zu erklären, statt auf sich selbst zu schauen.

Passiert Dir das stetig, lies im Beitrag „Spiegel nicht- Spiegel Dich!“ unbedingt weiter.

It must be exhausting always rooting for the anti-hero
Es muss anstrengend sein immer den Antihelden anzufeuern.

Okay, spätestens hier brauchen wir eine Definition, was den Antihelden angeht.

Ein Begriff aus der Literatur. Neben einem moralischen sauberen Protagonisten auf der guten Seite erreicht der Antiheld durch Schwächen und Ambivalenzen, Verachtung und Überlegenheit der biederen und moralischen Gesellschaft Sympathie. Sagen wir, es handelt sich um einen Menschen mit dunklen Anteilen in der Persönlichkeit. Beide Rollen sind in Taylors Image zu finden. Sowohl die Heldin als auch die Antihelden. So auch ähnlich mit Opferanteilen und Täteranteilen.

Geht es hier darum, dass andere ihre Täterstrategien verklären? Oder das Geheimnis des Erfolgs? Ambivalenz?

Für Außenstehende ist dies aufrechtzuerhalten anstrengend. Bei narzisstischem Missbrauch macht sich dieses ‚den anderen trotz jener und solcher Eigenschaften sich gut reden‘, körperlich bemerkbar. Da der Song jedoch eine Ich-Perspektive schildert, steht für mich auch eine Art Abspaltung im Interpretationsspielraum. Das grandiose Selbst wird nachts gejagt. Bei all dem, was ich bis her über ihre Arbeit weiß, ist die Ambivalenz ein gewisses Kalkül.
Polarisieren zwischen Gut und Böse. Ich bin Opfer geworden, also darf ich mich auch wehren und gemein sein, muss manipulieren, um nicht manipuliert zu werden. What the f… Der Grenzgang des Empowerments. Was viele nicht verstehen wollen, das Grandiose im Narzissmus ist nicht im generellen Grandiosen zu suchen, sondern in dem, was sie sind, wie sie es sind – Das ist grandios. Ergo auch das „beste“ Opfer von allen, ob von sich selbst, der Vergangenheit und Zukunft zu sein oder/und die beste Sängerin. Es geht um die Einzigartigkeit. Doch die findet nur statt, findet sie permanente Bestätigung im Außen und davon benötigt es stetig mehr. Im Video lehrt sie sich selbst: „Everyone will betray you!“  „Jeder wird Dich betrügen!“.

Sometimes, I feel like everybody is a sexy baby
Manchmal fühle ich mich als wäre jeder ein sexy Baby.

Sie fühlt sich (zum Glück nur manchmal), als wäre jeder … und dann auch noch sexy und Baby. Baby und sexy sind für mich generell schwierig im Zusammenhang doch jedem seinen Fetisch. Ich denke, die Anspielung ist hier partiell auf die Branche bezogen, in der junge Talente jederzeit auftauchen und sie älter wird oder schließt hier jeder auch sie selbst mit ein? Klassischer Fall von: Ich erzähl Euch von meinen Gefühlen, ohne ein Gefühl zu benennen. Interpretationsfreiraum nennt das der gebildete Künstler und Konsument. Selbstwertproblematiken haben vielerlei Ursachen nicht immer steht dahinter eine Diagnose. Die Liste der möglichen Diagnosen ist zu lang, um sie hier jetzt auszuführen. Narzisstische Störungen gehören jedoch dazu, genauso wie PTBS, KPTBS.
 
And I’m a monster on the hill
Und ich bin ein Monster auf dem Hügel.

Hier grenzt sie sich ab vom sexy Baby zum Monster – sie ist der Außenseiter, plus die Überhöhung.

Sie ist dem sexy Baby Image entwachsen und kann nicht mehr zurück. Grandios. Anzumerken wäre, dass besonders auch Menschen mit narzisstischen Störungen ein Problem mit dem Älterwerden aufweisen. Ein Monster ist in der Mathematik eine unberechenbare Größe, eine Unbekannte.

Das Produkt Taylor Swift ist ein Expandierendes.

Die Alice im Wunderland Referenz bezieht sich lediglich auf die Größe.

Nach und in narzisstischer Gesellschaft fühlen sich die meisten eher wie das Monster „under the hill“ statt „on Top of the world“. (Wie das Monster unter dem Hügel statt an der Weltspitze.)

Too big to hang out, slowly lurching toward your favorite city
Zu groß, um abzuhängen, krauche ich langsam zu Deiner Lieblingsstadt.

Die Touren und Pressetermine sowie Events sind ihr Job. Mal eben unbemerkt und unerkannt abhängen irgendwo ist, so nehme ich an, für Menschen wie Taylor Swift und ihr Umfeld eine Herausforderung bis unmöglich. Dennoch versteckt sich hier auch eine andere Metapher, die mich etwas an Manipulationstaktik erinnert. Weil niemand auf den Hügel zum Monster geht, macht es sich auf in Deine Lieblingsstadt. Was machen Monster in Städten? Und wo wir bei Monstern sind.

Pierced through the heart, but never killed
Durchs Herz gestochen aber nie getötet.

Über das Gefühl, zu groß zu werden, um es zu kontrollieren, spricht sie öfters in Interviews.

Hand aufs Herz, ihre Produkte und deren Platzierung und Feedback stehen weit über dem Standard und brechen Rekorde. Wohin will sie noch wachsen, wenn sie schon die Größte ist? Das Produkt Taylor Swift ist höchststrukturiert, doch Kontrolle darüber, was andere damit anstellen, hat man da wohl eher nicht. Diese Welt der Stars und Sternchen ist für Menschen ohne pathologische Sucht nach Anerkennung, die gestillt werden will, sehr schmerzhaft, künstlich, porös und dunkel. Ein Knochenjob für ein paar Minuten Applaus und eine Haufen Projektion von Außen. In ihrem Fall hat sie sich selbst zu diesem Kult und Godzilla erklärt, der nicht zu töten ist. Herzlichen Glückwunsch.

So ein durchgestochenes Herz blutet aus, doch es lässt sich wohl auch so (über)leben.

Klar kennen das Gefühl auch Menschen vorübergehend im Überlebensmodus innerhalb toxischer Beziehung, aber auch ein pathologischer Narzissmus lässt sich mit dieser Metapher gut verdeutlichen. Sie bluten ihre Wunden auf andere. Im Video krabbelt hierzu eine „Über-Ich“ Taylor viel zu groß an einem international besetzten Kaffeetisch vorbei (mögliche Referenz auf Disney Klub?). Ein junger Mann schießt sie Armor-gleich in die Schulter und erneut quillt der pinke Goo-Glitter hervor. Er steht vermutlich dafür, dass sie aus ihren Verwundungen und Unsicherheiten Popkunstmusik macht. Oder symbolisch für die Wunde des verdeckten Narzissmus in sich?

Did you hear my covert narcissism I disguise as altruism Like some kind of congressman?

Hast Du meinen verdeckten Narzissmus gehört, den ich als Altruismus tarne wie eine Art Kongressabgeordneter (Politiker)?

Ja, ich meine dazu schon mal ein Video von HG Tudor gesichtet zu haben. Geht es hier um Ängste und Scham da aufzufliegen, natürlich haben das auch Menschen mit einer narzisstischen Störung in der Persönlichkeitsstruktur. Über den Narzissmus und Altruismus existiert bereits ein Beitrag im Schutzgarten. Kommunale Narzissten sind keine Seltenheit.

Im Video zeigt sie erst ihren Glitter, zieht im nächsten Moment jedoch die Decke samt Tischbedeckung zu sich und verschreckt die „Tee“gesellschaft und steckt sich einen Button an, auf dem steht „Vote for me! For Everything!“ Wähle mich! Für Alles!“, den die Über-Ich Taylor über die pink glitzernde Verwundung heftet.

(A tale as old as time)
Ein Märchen so alt wie die Zeit.
Märchen und auch Zeit sind menschliche Konstrukte um Realität zu begreifen und zu verklären. Illusionen. Sie spricht über Unsicherheiten und Ängste „aufzufliegen“ wie irrational oder unbegründet jene sind, geht nicht aus dem Text hervor.

I wake up screaming from dreaming
Ich wache schreiend vom Träumen auf

Jeder, der bereits schreiend aus Träumen aufgewacht ist, weiß, wie tief das geht. Im Video sitzt sie gelangweilt in der Kulisse, diniert und trinkt von der Miniaturausstattung, die die anderen hinterlassen haben.

One day, I’ll watch as you’re leaving
Eines Tages werde ich zuschauen wie Du mich verlässt.

Wer oder was ist hier mit „you’re“ gemeint? Ihre Fans und ihr Fame Image sind meine höchste Annahme diesbezüglich.
Auf das narzisstische Konstrukt passt „die Zufuhr“ und toxischer Abhängigkeit. Die Angst, jene in Zukunft aufrechtzuerhalten. Die Angst vor dem Verlassenwerden haben jedoch auch Menschen ohne pathologischen Hintergrund oder Störungen. Ja, auch bei narzisstischem Missbrauch schwingt oft diese Angst mit, auf beiden Seiten nur eben in unterschiedlichen Arten und Konsequenzen.

And life will lose all its meaning
Und Leben verliert all seine Bedeutungen.

Hier sehen wir eine wie Taylor enttäuscht ist, von einer leeren Flasche.
Hier ist die Leere gemeint. Die Frage: Ist es nur eine Phase in der man zur Ruhe kommt und das zweite e gegen ein h eintauscht, oder eine Dauerleere die es zu befüllen gilt?

(For the last time)
Zum letzten Mal.
Hier eine mögliche Referenz auf Drama und Wiederholungen, aber auch den Tod – siehe Zeilen in der Bridge, die ich verkürzt zusammenfasse. Im Video sehen wir, wie Taylor ihr Größen-ich vom Bett schubst, sich unter den Tisch trinkt und ihrem Größen-ich pinken Goo-Glitter auf den Schoss erbricht. Während jenes in einer Bad-Szene ihr Gewicht kritisiert.

Die Anzeige „fett“ auf der Waage wurde nach Veröffentlichung aus dem Video gecancelt, diese Art von Bodyshaming-Konsequenz war dann zu ehrlich fürs Publikum. Auch Essstörungen haben verschiedene Ursachen, Kontrolle, Perfektion, nicht mehr sichtbar oder sichtbar zu sein.

Bridge:
Ich hab diesen Traum, dass meine Schwiegertochter mich des Geldes wegen umbringt
Sie denkt, ich vererbte es ihnen in meinem Testament
Die Familie kommt zusammen und liest es
Und dann schreit jemand
„Sie lacht uns nach oben aus der Hölle aus!“

Nochmal: Das Video findet ihr hier.

Narzisstische Persönlichkeitsstörungen zeichnen sich unter anderem durch „Nach dem (Ab)Leben Fantasien dar, in denen sie sich noch als lebend wahrnehmen. Der (hoffentlich Alp)Traum bezieht sich auf die Zukunft und ungeborene Kinder sowie eine Schwiegertochter, die sie so hassen und beneiden wird, dass sie sie ermordet, um an das Geld zu kommen. Sie wird Opfer ihrer eigenen Geschichte, denkt sich jedoch aus, wie sie allen eins auswischt und nichts vererbt oder ihrem einen Sohn 13 Cents vermacht. 13 ist ihre Glückszahl und „13 Cents“ ist eine afrikanische Novelle von Sello Duiker übers Erwachsen werden und Korruption. Die Familie eskaliert und Taylor klettert unbemerkt als Jungversion von sich aus dem Sarg.

Beide Taylors betrinken sich nun erschöpft auf dem Hausdach und eine riesige „Überich“ Taylor kommt auf beide zu und stößt mit ihnen an. Die Referenz sich mit seinen eigenen Anteilen zu vertragen und anzunehmen ist aus meiner Sicht wichtig und richtig im Ansatz.

Kunst darf alles! Kunst ist keine Diagnose.

Merke: Ein reflektierter, verdeckt narzisstische Mensch quält sich mit solchen Thematiken. Jedoch können sich auch viele andere Diagnosen hineininterpretieren lassen, wenn man bereit ist, all die Red Flags zu übersehen. Alkoholismus, Körperwahrnehmungsstörung und Depression sind die Top 3 der psychischen Erkrankungen. Wenn Du Dich darin hier und da wiedererkennst, dann ist es eben auch etwas gewollt und da fehlt eindeutig der Hinweis:
Hol Dir professionelle Unterstützung!

Taylors Album ‚Midnights‘ ist voll von weiteren Hinweisen und diversen Hymnen für alle mit Fragezeichen, ich habe mal geschaut, wisst Ihr, was der 13. Song ist?
https://youtu.be/Tmz1lz0zcLQ

Versteht Ihr bitte?

Mensch, da fällt mir ein, Udo Jürgens hat einen Song für ein Musical geschrieben namens

„Schöne Grüße aus der Hölle!“ .

Mit dem verbleibe ich für diesen Beitrag … beim musikalischen Blick hinter die Spiegel.

Wenn Du meine Arbeit und Leidenschaft Themen, wie diese hier Lebenszeit zu widmen und öffentlich zu stellen sowie die Idee des Schutzgärtnerns unterstützen möchtest, findest Du hier Infos wie: https://schutzgarten.wordpress.com/unterstuetze-den-schutzgarten/

Du suchst psychologische Beratung und/oder Coaching im schutzgärtnerischen Sinne: https://manjakendler.de/spiritcoach

Die Schutzgärtnerin
Manja Kendler
November 2022


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